Die Neuauflage eines Klassikers: Nik Collection 9 setzt neue Standards
Die Nik Collection, ein Name, der in der Bildbearbeitungsbranche seit über drei Jahrzehnten Gewicht hat, erhält mit Version 9 ein umfassendes Update, das Color-Grading-Funktionen, erweiterte KI-Algorithmen und neue Filter-Module integriert. Dies markiert einen bedeutsamen Moment in der Entwicklung einer Softwarefamilie, die eine bewegte Geschichte durchlaufen hat: Von den bahnbrechenden Plug-ins der 1990er Jahre über Googles Übernahme 2013 bis zur Neuausrichtung durch DxO im Jahr 2017.
Was auf den ersten Blick wie eine reine Versionsnummer erscheint, ist tatsächlich das Resultat eines ambitionierten Rewrite-Projekts. DxO übernahm 2017 eine etablierte Marke, die unter Google stagniert war, und verfolgte eine radikale Strategie: Komplettes Neuschreiben des gesamten Codebestands. Diesen Prozess abzuschließen und 2023 die erste vollständig in DxO-eigenem Code geschriebene Version zu veröffentlichen, war ein Kraftakt, der sich nun in Version 9 auszahlt.
Historischer Kontext: Eine Reise durch drei Dekaden digitaler Bildbearbeitung
Um die Bedeutung von Nik Collection 9 zu verstehen, muss man die genealogische Linie dieser Software nachvollziehen. Die ursprüngliche Nik Software war in den 1990er Jahren ein Vorreiter der spezialiserten Bildbearbeitungs-Plug-ins. Während Adobe Photoshop als monolithisches System konzipiert war, erkannte Nik eine Marktlücke: Fotografen wünschten sich spezialisierte, intuitive Tools für spezifische Aufgaben.
Das Unternehmen entwickelte Module wie Viveza für selektive Farbbearbeitung, U Point für präzise Maskenierung und diverse Filter-Serien, die schnell zum Industriestandard wurden. Diese modulare Philosophie war ihrer Zeit voraus – sie antizipierte das spätere Plugin-Ökosystem, das heute selbstverständlich ist.
Googles Übernahme 2013 signalisierte zunächst Innovation: Der Suchmaschinenkonzern versprach, KI-Technologien in die Nik-Tools zu integrieren. In der Realität zeigte sich jedoch Googles charakteristische Desinteresse an Nischenprodukten. Während Google Photos mit automatischer Bildoptimierung große Erfolge feierte, kümmerte sich der Konzern wenig um professionelle Werkzeuge. Der Verkauf an DxO 2017 war daher sowohl für Google als auch für die Nik-Community eine Erleichterung.
DxOs Übernahme markierte eine philosophische Kehrtwende. Das französische Unternehmen hatte sich als spezialisierter Anbieter von professionellen Bildverarbeitungslösungen etabliert – bekannt für DxO PhotoLab, ihre Flaggschiff-RAW-Entwicklungssoftware, und DxO PureRAW, ein KI-gestütztes Denoise- und Super-Resolution-Tool. DxO kaufte nicht, um die Nik Collection in den Schrank zu stellen, sondern um sie in ihr bestehendes Ökosystem zu integrieren und weiterzuentwickeln.
Die technische Revolution: KI, Color Grading und modular gedachte Architektur
Die in Version 9 eingeführten Neuerungen sind nicht oberflächlich. Das Color Grading, ein Thema, das lange Zeit Filmemachern und hochspezialisierten Fotobearbeitern vorbehalten war, wird durch die Nik Collection nun auch für fotografische Workflows zugänglich gemacht. Das unterscheidet sich fundamental vom klassischen Color Correction: Während Letzteres auf objektive Kalibrierung abzielt (Weißabgleich, Belichtungskorrektionen), geht Color Grading in eine künstlerische, emotionale Richtung – das Etablieren einer visuellen Signatur, eines bestimmten Looks.
Diese Funktionalität wird durch DxOs KI-Infrastruktur unterstützt, die nicht nur darin besteht, Automatismen anzubieten, sondern auch intelligente Vorschläge basierend auf Bildanalyse zu generieren. Fotografen können somit entweder manuell arbeiten oder sich von algorithmischen Vorschlägen inspirieren lassen – eine Dichotomie, die moderne Bildbearbeitungssoftware charakterisiert.
Die neuen Filter sind nicht einfach nostalgivermittelnde Effekte, sondern das Ergebnis von DxOs algorithmischer Forschung. Jeder Filter wird in ihrer hauseigenen Laborumgebung entwickelt und getestet, mit der gleichen Rigorosität, die DxO für ihre berüchtigten DxOMark-Bewertungen anwendet – ein standardisiertes Testprotokoll für Kameraausrüstung, das weltweit respektiert wird.
Marktanalyse: Wer profitiert von Nik Collection 9?
Hochzeitsfotografen sind eine primäre Zielgruppe. Die Color-Grading-Tools ermöglichen es, schnell konsistente Looks über hunderte von Bildern eines Hochzeitstages zu applizieren. Dies ist zeitkritisch – Hochzeitsfotos müssen oft innerhalb von zwei Wochen geliefert werden. Die KI-gestützten Vorschläge reduzieren die Zeit für stilistische Entscheidungen erheblich.
Landschaftsfotografen profitieren von den erweiterten lokalen Anpassungstools und den neuen Filtern, die natürliche, nicht-artifizielle Übergänge ermöglichen. Die Nik Collection war hier historisch stark verankert – besonders durch das Color Efex Pro Modul.
Porträtfotografen nutzen die selektiven Bearbeitungsfähigkeiten, um Haut zu verfeinern, ohne künstlich zu wirken. DxOs Erfahrung mit Face-Recognition-Algorithmen (aus PureRAW) fließt hier ein.
Reisefotografen und Journalisten profitieren von der Effizienz: Batch-Processing mit KI-Vorschlägen erlaubt es, große Bildermengen schnell in einen professionellen Zustand zu versetzen.
Der österreichische und europäische Markt
In Österreich und Deutschland ist eine Renaissance der Fachfotografie zu beobachten. Post-Pandemie investieren viele Studios und Einzelfotografen gezielt in Software-Lösungen, die ihre Workflows optimieren. Die DxO Nik Collection konkurriert hier primär mit Adobe Creative Cloud, wobei ein entscheidender Vorteil die Onetime-Purchase-Option ist – während Adobe ein Abonnementmodell erzwingt, bietet DxO auch permanente Lizenzen an.
Dies ist ein nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Faktor für kleine Fotostudios, die ihre Softwareausgaben kontrollieren möchten. Österreichische Fotografen, traditionell qualitätsbewusst und skeptisch gegenüber monatlichen Recurring Costs, könnten von diesem Modell besonders angesprochen werden.
Die Integration in DxO PhotoLab schafft zusätzlichen Wert: Fotografen, die bereits PhotoLab nutzen (eine respektable RAW-Entwicklungssoftware mit europäischen Wurzeln), finden in der Nik Collection eine nahtlose Erweiterung ihres bestehenden Workflows.
Technische Architektur und Zukunftsaussichten
Die Tatsache, dass Nik Collection 9 auf vollständig neuem, von DxO geschriebenem Code basiert, ist fundamental. Dies bedeutet:
- Moderne Architektur: Keine Legacy-Code-Ballast, optimiert für aktuelle Hardware (GPU-Unterstützung, Multi-Threading)
- Konsistente Code-Qualität: DxO kann proprietäre Algorithmen aus PhotoLab und PureRAW in die Nik-Tools integrieren
- Zukunftssicherheit: Weniger technische Schulden bedeutet schnellere Feature-Updates und weniger langfristige Stabilität-Probleme
- Datenschutz und Kontrolle: DxO ist ein kleineres Unternehmen als Google, mit weniger datensammelndischer Neigung – ein wichtiger Punkt für europäische Fotografen unter DSGVO-Anforderungen
Konkurrenzlandschaft und Positionierung
Adobe Lightroom und Photoshop dominieren weiterhin den Massenmarkt. Allerdings zeigt sich zunehmend Kritik am Adobe-Monopol – sowohl wegen Preisgestaltung als auch wegen erzwungener Cloud-Integration. Capture One, ein dänisches Unternehmen, hat sich als Premium-Alternative etabliert. Nik Collection 9 positioniert sich bewusst als spezialisierte Ergänzung, nicht als vollständiger Ersatz für Adobe.
Dies ist strategisch klug: Viele Fotografen nutzen Adobe PhotoLab als Basis und exportieren zu Nik für spezifische Aufgaben – Colour Grading, Filter-Anwendung, lokale Anpassungen. Diese Komplementarität ermöglicht es DxO, ein Nischenprodukts-Premiumimage zu bewahren.
Fazit: Ein produktreifes Update für eine Renaissance
Nik Collection 9 repräsentiert nicht nur eine Versionsnummer, sondern das Abschlusskapitel eines Transformationsprozesses. Was 2017 als riskante Übernahme begann, hat sich zu einer durchdachten, modernen Lösung entwickelt. Die Integration von Color Grading, fortgeschrittener KI und neuen Filtern zeigt, dass DxO nicht nur die Nik-Legacy bewahrt, sondern sie aktiv für zeitgenössische Workflows weiterentwickelt.
Für österreichische und europäische Fotografen ist dies eine willkommene Alternative zu monolithischen Adobe-Systemen – mit klarem Fokus auf Qualität, Effizienz und Respekt vor Nutzerdaten. Die Frage ist nicht, ob Nik Collection 9 relevant ist, sondern ob sie endlich die breite Anerkennung erhält, die sie verdient.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von fstoppers.com.
Titelbild: Foto von greg studio auf Unsplash

