Die Ankündigung: Ein neues Kapitel der Anamorphose-Optik
Auf der NAB Show 2026 hat Xelmus die Fachwelt mit einer Ankündigung aufhorchen lassen, die das Potenzial hat, die Anamorphose-Fotografie nachhaltig zu verändern. Das Unternehmen präsentierte die Aura 16mm 2x Anamorphic Lens – noch im Prototypenstadium – als Proof of Concept für das, was Xelmus als das weltweit breiteste Anamorphic-Objektiv beschreibt. Diese Ankündigung markiert einen bedeutsamen Moment in der optischen Entwicklung und verdient eine tiefergehende Analyse jenseits der oberflächlichen Fakten.
Technischer Hintergrund: Anamorphose-Optik verstehen
Bevor wir die Bedeutung dieses neuen Objektivs vollständig erfassen können, ist es notwendig, die Technologie der Anamorphose selbst zu beleuchten. Anamorphische Objektive dehnen die horizontale Achse des Bildes aus und erzeugen dadurch das charakteristische ultrapanoramische Format mit den ikonischen Bokeh-Ovalformen, die seit Jahrzehnten das Kino definieren. Ein 2x-Anamorphe bedeutet, dass das Bild in der horizontalen Dimension um den Faktor 2 gestreckt wird – eine Standard-Brennweite wird dadurch effektiv verdoppelt.
Die Bezeichnung „16mm” bei Xelmus’ Aura bezieht sich auf die äquivalente anamorphische Brennweite. Dies ist technisch extrem ambitioniert. Während traditionelle anamorphische Kinoobjektive typischerweise bei 40mm oder 50mm beginnen, würde ein 16mm 2x-Anamorphic eine beispiellose Weitwinkel-Perspektive in anamorphischem Format ermöglichen. Dies ist nicht einfach eine größere Brennweite – es repräsentiert eine optische Herausforderung von erheblichem Ausmaß.
Historischer Kontext: Die Evolution der Anamorphose
Um die Bedeutsamkeit dieser Ankündigung zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Entwicklungsgeschichte anamorphischer Objektive. Die Anamorphose-Technologie selbst stammt aus den 1950er Jahren, als Hollywood nach einem neuen Format suchte, das das Publikum von den aufstrebenden Fernsehgeräten ablenken könnte. CinemaScope revolutionierte das Medium mit seinem 2.35:1-Format.
In der modernen Ära haben sich anamorphische Objektive vom reinen Kino-Tool zur begehrten Ausrüstung für ambitionierte Fotografen entwickelt. Unternehmen wie Cooke, Panavision und LOMO haben lange die professionelle Landschaft dominiert, doch die Preise waren oft unerschwinglich für die breite fotografische Gemeinschaft. Xelmus selbst hat sich in den letzten Jahren als innovativer Akteur positioniert, der Premium-Anamorphosen zu etwas mehr Zugänglichkeit bringt.
Der Schritt zu einem 16mm 2x-Format ist eine logische Eskalation in diesem Trend, aber technisch exponentiell schwächer. Bisherige Weitwinkel-Anamorphe waren Kompromisse – sie existierten, waren aber optisch nicht optimal. Ein speziell entwickeltes 16mm 2x-Anamorphic mit hoher optischer Qualität würde eine völlig neue kreative Klasse eröffnen.
Optische Herausforderungen und Ingenieursleistung
Die Entwicklung eines solch breiten Anamorphic-Objektivs ist ein optisches Puzzle. Die Hauptprobleme:
- Sphärische und chromatische Aberrationen: Bei extremen Weitwinkelbrennweiten multiplizieren sich diese typischen Anamorphose-Probleme. Xelmus müsste fortgeschrittene Glasformulierungen und komplexe Linsenkonfigurationen verwenden.
- Fokusbereich-Management: Anamorphische Systeme haben traditionell kürzere Mindestfokustierabstände. Ein 16mm-Format erfordert präzise Ingenieursarbeit, um praktikabel zu sein.
- Vignettierung und Bildfeldwölbung: Das typische Charakteristikum anamorphischer Systeme – die Verdopplung in eine Richtung – führt zu vorhersehbaren Vignettierungsmustern, besonders an den Weitwinkelrändern.
Diese technischen Hürden erklären, warum Xelmus das System noch als Prototyp präsentiert – nicht aus Marketing-Gründen, sondern aus optischer Notwendigkeit. Die Entwicklung solcher Extreme-Formate erfordert umfassende Feldtests und iterative Verbesserungen.
Kreative Implikationen: Wem nutzt diese Linse?
Die praktische Anwendbarkeit eines 16mm 2x-Anamorphic ist faszinierend differenziert:
Filmemacher und Videokreative würden sofort profitieren. Das ultrabreite anamorphische Format eröffnet völlig neue Kompositionsmöglichkeiten für Establishing Shots, Landschaftsaufnahmen in anamorphischem Stil und dynamische Weitwinkel-Szenen mit dem charakteristischen Bokeh-Overlay. Ein Konzertfilm, ein Dokumentation über urbane Landschaften oder ein visuell ambitioniertes Kurzfilmprojekt könnte von dieser optischen Innovation transformiert werden.
Hochzeit- und Event-Fotografen könnten ebenfalls interessiert sein, besonders diejenigen, die das anamorphische Ästhetik als Differenzierungsmerkmal nutzen. Ein 16mm 2x in der anamorphischen Form könnte Gruppenfotos oder Hochzeitssäle mit einer völlig neuen visuellen Signatur erfassen.
Architektur- und Immobilien-Fotografen könnten das System für spektakuläre Innenaufnahmen nutzen, bei denen das ultrabreite Format die räumliche Dramatik maximiert, während die anamorphische Dehnung architektonische Linien interessant verzerrt.
Landschaftsfotografen – insbesondere in speziellen Bereichen wie Fine-Art-Landschaftsfotografie – könnten das System als künstlerisches Werkzeug einsetzen, um bekannte Szenen durch eine radikal neue optische Linse zu sehen.
Marktposition und europäische Relevanz
Aus österreichischer und europäischer Perspektive ist diese Ankündigung besonders relevant. Europa hat eine starke Tradition in optischer Ingenieurskunst – von Zeiss bis LOMO bis zu spezialisierten österreichischen und deutschen Optik-Unternehmen. Die anamorphische Fotografie hat hier ein wachsendes Nischenpublikum, besonders unter kreativen Profis.
Xelmus positioniert sich mit dieser Ankündigung als Innovator, der nicht nur existierende Kategorien verbessert, sondern neue Kategorien schafft. Dies könnte den europäischen Optik-Markt beeinflussen und möglicherweise andere Hersteller – wie etwa deutsche oder österreichische Optik-Unternehmen – anspornen, ähnliche Experimente zu starten.
Die Preislandschaft ist hier entscheidend. Premium-Anamorphe kosten typischerweise zwischen €5.000 und €25.000 pro Objektiv. Wenn Xelmus dieses innovative 16mm 2x-System zu einem zugänglicheren Preisniveau anbieten kann – vielleicht im €3.000-€8.000-Bereich – könnte dies eine echte Demokratisierung der anamorphischen Optik darstellen.
Prototyp-Phase: Was kommt als nächstes?
Die Tatsache, dass Xelmus das System noch im Prototyp-Stadium zeigt, ist bedeutsam. Dies ist nicht einfach PR-Hype, sondern legitime optische Entwicklungsarbeit. Typischerweise bedeutet eine Prototyp-Präsentation auf einer großen Veranstaltung wie der NAB Show:
- Das System hat das Konzept-Stadium verlassen und funktioniert tatsächlich
- Xelmus sucht nach Feedback von Profis und potentiellen Early Adopters
- Die Marktreife liegt wahrscheinlich 12-24 Monate entfernt
- Der Entwicklungspfad kann noch durch spezialisiertes Feedback beeinflusst werden
Dies ist eine intelligente Strategie – die Kamera-/Optik-Gemeinschaft wird in den Entwicklungsprozess einbezogen, was zu einem besseren Endprodukt führt und gleichzeitig Spannung für die finale Veröffentlichung aufbaut.
Wettbewerbslandschaft und Differenzierung
Xelmus’ bestehende anamorphische Linie umfasst bereits mehrere Modelle, aber die Produktlücke im extremen Weitwinkelbereich ist real. Hersteller wie Cooke haben neulich ähnliche Versuche unternommen, doch ein speziell für 16mm entwickeltes System von Grund auf ist eine andere Kategorie. Dies ist nicht einfach „ein weiteres anamorphisches Objektiv” – es ist eine optische Kategorie-Schöpfung.
Fazit: Ein optisches Versprechen für die Zukunft
Xelmus’ Ankündigung des Aura 16mm 2x Anamorphic ist mehr als eine Produktankündigung – sie ist eine Erklärung optischer Ambition. In einer Zeit, in der sich viele Hersteller auf sichere, etablierte Produkte konzentrieren, riskiert Xelmus, eine komplett neue optische Kategorie zu schaffen.
Für österreichische und europäische Kreative bedeutet dies eine potentiell transformative Entwicklung. Das anamorphische Ästhetik wächst in der kreativen Gemeinschaft, und ein zugängliches, hochperformes 16mm 2x-System könnte dieser Bewegung enormen Auftrieb geben. Wir sollten diese Entwicklung aufmerksam verfolgen – wenn Xelmus diesen Prototyp zur Marktreife bringt, könnte dies die optische Landschaft nachhaltig verändern.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von petapixel.com.
Titelbild: Foto von Enzo Tommasi auf Unsplash

