Wer die Entwicklung der Smartphone-Fotografie in den vergangenen zehn Jahren aufmerksam verfolgt hat, weiß, dass Huawei stets zu den technologischen Schrittmachern gehörte. Nach einer Phase erzwungener Zurückhaltung auf dem europäischen Markt meldet sich der Hersteller mit dem Huawei Pura 90s Pro Max eindrucksvoll zurück. Für Fotografen in Deutschland und Österreich, die nach der absolut besten Abbildungsleistung in einem Mobiltelefon suchen, stellt dieses Gerät eine hochinteressante, wenn auch diskussionswürdige Option dar. In der Praxis zeigt sich schnell, dass dieses Smartphone kein gewöhnliches Mobiltelefon mit angehängter Kamera ist, sondern vielmehr eine hochentwickelte Kompaktkamera mit integrierter Telefonfunktion. Das Gehäuse fühlt sich extrem hochwertig an, liegt exzellent in der Hand und vermittelt sofort die Wertigkeit, die man von einem Premium-Werkzeug erwartet. Besonders für die Street-Photography oder als ständiger Begleiter bei anspruchsvollen Bergtouren in den Alpen bietet das Pura 90s Pro Max ein optisches Potenzial, das die Konkurrenz ins Schwitzen bringt.
Das Herzstück dieses Kamerasystems bildet eine bemerkenswerte Hardware-Kombination, die vor allem in drei Bereichen Maßstäbe setzen will: Tele-Reichweite, Dynamikumfang und Farbtreue. Das Prunkstück ist zweifellos die 200-Megapixel-Telekamera mit einer kleinbildäquivalenten Brennweite von 96 mm (4-fach optischer Zoom). Huawei verbaut hier einen gigantischen Type 1/1.28-Sensor mit einer Lichtstärke von f/2.6 und optischer Bildstabilisierung. Ein derart großer Sensor in einem Telemodul ist im aktuellen Marktumfeld eine absolute Seltenheit und teilt sich den Thron derzeit nur mit wenigen Mitbewerbern wie dem Oppo Find X9 Ultra. In der fotopraktischen Anwendung bedeutet dies, dass Porträtaufnahmen eine natürliche, optische Hintergrundunschärfe (Bokeh) aufweisen, die sich fundamental von den oft künstlich wirkenden Software-Effekten herkömmlicher Smartphones unterscheidet. Auch der 10-fache Hybrid-Zoom (entspricht 240 mm Brennweite) profitiert massiv von dieser Sensorgröße und liefert Ergebnisse, die selbst für den Druck oder großformatige Präsentationen absolut brauchbar sind.
Die Hauptkamera setzt auf einen 50-Megapixel-Sensor im RYYB-Layout, ebenfalls im Format Type 1/1.28. Hier zeigt sich ein kleiner Wermutstropfen im Vergleich zum Vorgängermodell Pura 80 Ultra, welches noch mit einem echten 1-Zoll-Sensor ausgestattet war. Dennoch gleicht Huawei diesen theoretischen Rückschritt durch eine mechanisch variable Blende von f/1.4 bis f/4 aus. Diese lässt sich im Pro-Modus präzise steuern. Wer bei Available-Light-Aufnahmen in schummrigen Kirchen oder bei nächtlichen Stadtspaziergängen in Berlin das Maximum an Licht herausholen möchte, wählt f/1.4. Für maximale Randschärfe bei Landschaftsaufnahmen blendet man einfach auf f/4 ab. Komplettiert wird das Trio durch eine 40-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera (13 mm Äquivalent, f/2.2) und einen dedizierten True-to-Color-Spektralsensor, der für eine akkurate Farbanalyse und einen präzisen Weißabgleich sorgt.
In der fotografischen Praxis überzeugt das System durch eine Bildqualität, die in vielen Belangen ihresgleichen sucht. Der Dynamikumfang ist schlichtweg atemberaubend. Wo die Flaggschiffe von Apple oder Samsung in kontrastreichen Situationen – etwa bei Gegenlichtaufnahmen im Wald oder hellen Wolkenhimmeln – oft zu ausgebrannten Lichtern oder absaufenden Schatten neigen, zeichnet das Pura 90s Pro Max Details in den Extrembereichen meisterhaft durch. Die Farbwiedergabe ist dank des Spektralsensors angenehm neutral und driftet nicht in die typisch übersättigten Smartphone-Farbtöne ab. Auch die Stabilisierung leistet hervorragende Arbeit: Sie gleicht bis zu sieben Belichtungsstufen aus, was knackscharfe Freihandaufnahmen bei extremen Tele-Brennweiten oder langen Belichtungszeiten in der Dämmerung ermöglicht. Der Super-Makro-Modus, der über das gesamte Linsensystem hinweg funktioniert und einen manuellen Fokus bietet, erlaubt faszinierende Nahaufnahmen von Texturen, Insekten oder Pflanzendetails.
Allerdings läuft auch bei diesem High-End-Gerät nicht alles perfekt. Für Anwender im DACH-Raum ist die Software-Situation nach wie vor ein wichtiges Thema. Da Google-Dienste standardmäßig fehlen, muss auf Workarounds wie GBox zurückgegriffen werden. Damit lassen sich Apps wie Adobe Lightroom Mobile zwar installieren und nutzen, im Test kam es jedoch im Offline-Modus reproduzierbar zu Abstürzen der App. Sobald eine Internetverbindung bestand, lief alles stabil. Dies zeigt, dass der mobile Workflow zwar kompromisslos möglich ist, aber gelegentlich kleine Hürden bereithält. Zudem hat Huawei bei der Benutzeroberfläche der globalen Version einige unverständliche Entscheidungen getroffen. So fehlen im Sucher direkte Shortcuts für klassische Brennweiten-Crops wie 35 mm oder 50 mm, die in der chinesischen Firmware-Variante seltsamerweise vorhanden sind. Auch der Selbstauslöser ist unnötig tief im Menü vergraben, anstatt in den Schnellzugriffen zu liegen. Ein weiteres Manko für ambitionierte Fotografen: RAW-Aufnahmen sind im Pro-Modus unverständlicherweise auf 12,5 Megapixel limitiert – die vollen Sensorauflösungen lassen sich im Rohdatenformat nicht nutzen. Auch das Fehlen einer Option für Videoaufnahmen mit kinotypischen 24 Bildern pro Sekunde trübt den ansonsten hervorragenden Eindruck.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Huawei Pura 90s Pro Max ein absolutes Powerhouse für mobile Fotografen ist. Wer bereit ist, sich mit den Software-Workarounds zu arrangieren und über die kleinen UI-Schwächen hinwegzusehen, erhält ein Kamerasystem, das in Sachen Dynamik, Tele-Performance und optischer Flexibilität derzeit kaum zu schlagen ist. Die Investition lohnt sich vor allem für Fotografen, die eine extrem leistungsfähige Immer-Dabei-Kamera suchen, die klassische Kompaktkameras überflüssig macht.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Herausragender Dynamikumfang, der selbst unter extremen Kontrastbedingungen Zeichnung in Lichtern und Schatten bewahrt.
- ✓Der riesige 200-Megapixel-Sensor im Telemodul ermöglicht eine unerreichte Detailauflösung und exzellente Low-Light-Performance im Zoombereich.
- ✓Mechanisch variable Blende (f/1.4 bis f/4) an der Hauptkamera erlaubt echte optische Kontrolle über Lichtstärke und Schärfentiefe.
- ✓Hervorragende 7-Stufen-Bildstabilisierung für extrem scharfe Freihandaufnahmen bei Nacht und im Telebereich.
- ✓Präzise Farbwiedergabe und verlässlicher Weißabgleich dank des integrierten True-to-Color-Spektralsensors.
- ✓Äußerst vielseitiger Super-Makro-Modus mit manuellem Fokus für kreative Nahaufnahmen auf Profi-Niveau.
- ✓Hochwertige Verarbeitung und exzellente Display-Modi zur farbverbindlichen Beurteilung der Aufnahmen vor Ort.
- ✓Möglichkeit, professionelle Bildbearbeitungs-Apps wie Lightroom via GBox-Workaround effizient zu nutzen.
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Keine RAW-Aufnahmen mit voller Sensorauflösung möglich; das Rohdatenformat ist im Pro-Modus auf 12,5 MP beschränkt.
- ✗Unverständliche UI-Einschränkungen in der globalen Version, wie das Fehlen direkter Shortcuts für klassische Brennweiten-Crops (z. B. 35 mm).
- ✗Der Selbstauslöser ist umständlich in den Tiefen der Kameraeinstellungen vergraben, was schnelle Stativaufnahmen behindert.
- ✗Erzwungener 3-Sekunden-Countdown im 200-Megapixel-High-Res-Modus schließt Schnappschüsse bewegter Motive aus.
- ✗Die variable Blende ist im Porträt- und Blendenmodus auf f/2 fixiert und lässt sich nur im Pro-Modus manuell anpassen.
- ✗Keine Unterstützung für Videoaufnahmen mit kinotypischen 24 Bildern pro Sekunde (24fps).
- ✗Der Hauptsensor ist im Vergleich zum Vorgängermodell (Pura 80 Ultra mit 1-Zoll-Sensor) geschrumpft.
- ✗Gelegentliche Software-Instabilitäten (z. B. Lightroom-Abstürze im Offline-Betrieb) trüben den mobilen Workflow.
Titelbild: Foto von Andrey Matveev auf Unsplash

