Ein überraschendes Comeback nach fast einem Jahrzehnt
Fast neun Jahre lang herrschte Funkstille im Segment der High-End-Bridgekameras. Viele Branchenbeobachter in Deutschland und Österreich hatten die Produktklasse bereits für tot erklärt, abgelöst durch immer leistungsstärkere Systemkameras und den unaufhaltsamen Aufstieg der Smartphones. Doch nun meldet sich Sony mit der Sony RX10 V zurück. Während der Vorgänger, die RX10 IV, auf dem Gebrauchtmarkt zuletzt zu absurd hohen Preisen gehandelt wurde, bringt der Nachfolger frischen Wind in ein totgeglaubtes Segment. Auf den ersten Blick wirkt das Gehäuse vertraut, doch unter der Haube hat Sony fast jede entscheidende Komponente modernisiert, um die Kamera an die Standards des Jahres 2026 anzupassen.
Die Brücke zwischen den Welten: Technische Evolution im Detail
Das optische Herzstück bleibt unverändert: Das renommierte Zeiss Vario-Sonnar T* mit einer KB-äquivalenten Brennweite von 24-600mm und einer Lichtstärke von F2.4-4.0. Sony setzt weiterhin auf einen gestapelten (Stacked) 1-Zoll-CMOS-Sensor mit 20 Megapixeln. Die entscheidende Neuerung liegt jedoch in der Signalverarbeitung. Der neue BIONZ XR Prozessor – unterstützt durch dedizierte KI-Verarbeitungseinheiten – hebt die Kamera auf ein völlig neues Leistungsniveau. Interessanterweise verzichtet Sony in den Spezifikationen auf die explizite Erwähnung des integrierten DRAM-Speichers auf dem Sensor, was auf ein verändertes Sensor-Design hindeutet. Dies zeigt sich auch im Wegfall des extremen 1000-fps-Zeitlupenmodus, der beim Vorgänger noch als technisches Aushängeschild galt, in der Praxis jedoch aufgrund starker Qualitätsverluste selten genutzt wurde.
Ergonomie und Bedienung: Ein Hauch von Alpha-Klasse
Für Fotografen im DACH-Raum, die das Handling der modernen Sony Alpha-Systemkameras (wie der A7 IV oder A6700) gewohnt sind, bietet die RX10 V eine längst überfällige Modernisierung. Das antiquierte monochrome Schulterdisplay weicht einer zeitgemäßen analogen Bedienphilosophie. Ein präziser AF-Joystick auf der Rückseite erleichtert die Fokuspunkt-Verschiebung dramatisch. Zudem wurde das Menüsystem komplett auf die neue, farbcodierte Kachelstruktur umgestellt, was die Navigation durch die komplexen Einstellungen erheblich beschleunigt. Der elektronische Sucher (EVF) glänzt nun mit 3,69 Millionen Bildpunkten und einer komfortablen 0,78-fachen Vergrößerung – ein massives Upgrade gegenüber den pixeligen 2,36 Millionen Bildpunkten des Vorgängers.
Der Autofokus-Quantensprung: KI-Tracking im Praxiseinsatz
Der wohl größte Kritikpunkt der RX10 IV im modernen Kontext war das träge Verhalten bei Videoaufnahmen und die starre Motiverkennung. Die RX10 V erbt nun die modernsten Algorithmen aus der Alpha-Serie. Dank der neuen Rechenleistung bietet die Kamera eine hochentwickelte Echtzeit-Motiverkennung (Real-time Tracking), die nicht mehr nur Augen von Menschen und Tieren isoliert, sondern auch Vögel, Insekten, Fahrzeuge und Flugzeuge präzise verfolgt. Dieses System arbeitet nun auch nahtlos im Videomodus. Filmer profitieren zudem von der lang ersehnten 10-Bit-4:2:2-Aufzeichnung intern, S-Cinetone für kinoreife Farben direkt aus der Kamera und der hocheffizienten ‘Active’ SteadyShot-Stabilisierung, die selbst bei 600mm Brennweite noch ruhige Freihandaufnahmen ermöglicht.
Für wen lohnt sich die RX10 V? Praxisrelevante Zielgruppen
Trotz des Preises bleibt die RX10 V ein einzigartiges Werkzeug für spezialisierte Anwendungsbereiche:
- Natur- und Vogelfotografen: Wer stundenlang in den Nationalparks wie dem Gesäuse oder dem Wattenmeer unterwegs ist, scheut das Gewicht einer Vollformat-Ausrüstung mit einem 600mm-Objektiv. Die RX10 V bietet diese enorme Reichweite in einem kompakten, wettergeschützten Gehäuse von knapp über einem Kilogramm.
- Reise- und Alpin-Fotografen: Auf anspruchsvollen Bergtouren in den Alpen zählt jedes Gramm. Die Kombination aus exzellentem Weitwinkel für Landschaftsaufnahmen und extremem Tele für alpine Tierwelt macht diese Kamera zum ultimativen All-in-One-Begleiter.
- Hybrid-Kreative und Dokumentarfilmer: Dank 10-Bit S-Log3, Auto-Framing und dem hervorragenden Audio-Interface ist die RX10 V eine ernstzunehmende B-Cam für Reportagen, bei denen Flexibilität und Schnelligkeit über Sensorgröße gehen.
Marktanalyse DACH: Preisgestaltung und Konkurrenzumfeld
In Deutschland und Österreich wird die Sony RX10 V voraussichtlich zu einer unverbindlichen Preisempfehlung von rund 2.300 bis 2.500 Euro auf den Markt kommen. Das ist zweifellos eine Ansage für eine Kamera mit einem 1-Zoll-Sensor. Im lokalen Fachhandel – sei es bei Calumet, Foto Erhardt oder Foto Leutner in Wien – muss sich die Kamera dem Vergleich mit modernen APS-C-Systemen stellen. Eine Fujifilm X-T5 oder Sony A6700 mit einem Telezoom wie dem 70-300mm bietet zwar eine bessere Bildqualität bei schlechtem Licht, erreicht aber weder die optische Flexibilität des Zeiss-Objektivs noch die Kompaktheit im extremen Telebereich ohne ständige Objektivwechsel. Für anspruchsvolle Anwender, die den Komfort einer Premium-Bridge zu schätzen wissen, bleibt die RX10 V daher auf Jahre hinaus konkurrenzlos.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von www.dpreview.com.
Titelbild: Foto von Will Walker auf Unsplash

