Die Renaissance der Kompaktheit: Fünf X-Mount-Pancakes im Härtetest
Die Verheißung kompakter Kamerasysteme ist seit jeher ein zentrales Verkaufsargument für das spiegellose APS-C-System von Fujifilm. Doch in der Praxis klafft zwischen den Marketingversprechen ultraleichter Gehäuse und der Realität klobiger Zoomobjektive oft eine spürbare Lücke. Pancake-Objektive versprechen hier Abhilfe: Sie reduzieren das Packmaß einer Fujifilm X-T50 oder X-E4 so drastisch, dass die Kamera problemlos in der Manteltasche Platz findet. Ein aktueller Vergleichstest von fünf flachen X-Mount-Optionen zeigt nun jedoch, dass die optischen Unterschiede, mechanischen Eigenheiten und preislichen Diskrepanzen trotz nahezu identischer Bauform überraschend groß sind. Getestet wurden das etablierte Fujifilm XF 27mm f/2.8 R WR, das preiswerte TTArtisan 27mm f/2.8 AF, das lichtstarke, rein manuelle Voigtländer Ultron 27mm f/2, der Weitwinkel-Klassiker Fujifilm XF 18mm f/2 R sowie das extrem flache, manuell zu fokussierende Pergear 10mm f/8. Die Ergebnisse zeigen deutlich: Kompaktheit erfordert Kompromisse – die Frage ist nur, an welcher Stelle man bereit ist, diese einzugehen.
Historischer Kontext: Das Erbe der X-Serie und der Megapixel-Sprung
Um die aktuelle Dynamik auf dem Markt der X-Mount-Pancakes zu verstehen, muss man ins Jahr 2012 zurückblicken. Zusammen mit der legendären X-Pro1 stellte Fujifilm das XF 18mm f/2 R vor. Es sollte die Reportage-Tradition klassischer Messsucherkameras wiederbeleben. Kurz darauf folgte das ursprüngliche XF 27mm f/2.8. Beide Objektive setzten auf kompakte Abmessungen, litten jedoch unter lautstarken DC-Motoren und einem spürbaren Tubus-Tubus-Spiel. Mit der Einführung moderner 40-Megapixel-Sensoren wie dem X-Trans CMOS 5 HR in der X-T5 und X-H2 haben sich die Anforderungen an die optische Rechnung dramatisch verschoben. Ältere Rechnungen geraten an diesen hochauflösenden Sensoren schnell an ihre Grenzen: Chromatische Aberrationen und ein deutlicher Schärfeabfall an den Bildrändern sind bei Offenblende keine Seltenheit. Während Fujifilm mit dem XF 27mm f/2.8 R WR im Jahr 2021 zumindest ein mechanisches Update mit Blendenring und Wetterschutz (WR) lieferte, blieb das optische Design unverändert. Gleichzeitig drängten Drittanbieter wie TTArtisan und die Traditionsmarke Cosina unter dem Label Voigtländer in diese Nische, um die optischen und preislichen Lücken zu schließen, die der Marktführer hinterlassen hat.
Praktische Anwendung: Street-Photography und alpine Wanderungen
Die Wahl des richtigen Pancake-Objektivs hängt maßgeblich vom fotografischen Einsatzzweck ab. Für Street-Fotografen in urbanen Zentren wie Berlin, Wien oder München ist Unauffälligkeit das höchste Gut. Hier glänzt das Fujifilm XF 27mm f/2.8 R WR. Dank seines schnellen, wenn auch nicht flüsterleisen Autofokus und des physischen Blendenrings erlaubt es ein intuitives Arbeiten im Stile der klassischen Street-Photography. Wer hingegen die raue Natur der österreichischen Alpen oder die windigen Küsten Norddeutschlands bevorzugt, profitiert enorm vom Wetterschutz des originalen Fuji-Pancakes. Für Astrofotografen oder Liebhaber des bewussten, entschleunigten Fotografierens ist das Voigtländer Ultron 27mm f/2 ein absoluter Geheimtipp. Trotz des Verzichts auf einen Autofokus bietet es dank elektronischer Kontakte eine vollständige EXIF-Datenübertragung und aktiviert beim Drehen des seidenweichen Fokusrings automatisch die Fokuslupe der Kamera. Die hohe Lichtstärke von f/2 bietet zudem gestalterischen Spielraum bei der Freistellung, der den f/2.8-Konkurrenten fehlt. Das extrem günstige TTArtisan 27mm f/2.8 AF wiederum richtet sich an Einsteiger und Alltagsfotografen, die ein extrem leichtes ‘Immerdrauf’ für familiäre Anlässe oder Städtetrips suchen, ohne tief in die Tasche greifen zu müssen.
Marktanalyse: Preis-Leistungs-Verhältnisse im DACH-Raum
Der deutschsprachige Markt zeigt eine klare Segmentierung bei der Nachfrage nach kompakten Festbrennweiten. Das Fujifilm XF 27mm f/2.8 R WR ist mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von rund 450 Euro im gehobenen Mittelfeld positioniert. Es ist flächendeckend bei großen Fachhändlern wie Calumet Photographic, Foto Koch oder Foto Erhardt in Deutschland sowie bei Foto Sobotka oder United Camera in Österreich erhältlich. Dem gegenüber steht das TTArtisan 27mm f/2.8 AF, das im DACH-Raum oft für unter 180 Euro angeboten wird. Trotz des extrem niedrigen Preises überrascht das TTArtisan mit einer soliden Metallkonstruktion und einer durchaus respektablen Schärfe im Bildzentrum, auch wenn es bei Gegenlicht deutlich anfälliger für Flares ist als das Original von Fujifilm. Das Voigtländer Ultron 27mm f/2 positioniert sich mit rund 550 Euro als Premium-Option für Enthusiasten, die mechanische Präzision zu schätzen wissen. Für preisbewusste Fotografen, die das absolute Minimum an Baugröße suchen und mit rein manueller Fokussierung sowie einer festen Blende von f/8 leben können, stellt das Pergear 10mm f/8 für unter 80 Euro eine spaßige, fast schon spielerische Alternative dar. In Zeiten, in denen spiegellose Systemkameras durch komplexe Sucherkonstruktionen und IBIS-Systeme tendenziell immer größer werden, beweist dieser Vergleichstest, dass die Nachfrage nach echten ‘Taschenkameras’ im DACH-Raum ungebrochen ist und durch das vielfältige Angebot an Pancake-Objektiven hervorragend bedient wird.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von fstoppers.com.
Titelbild: Foto von Louis Hansel auf Unsplash

