Die Bridgekamera ist tot, es lebe die Bridgekamera? Wer dachte, dass diese Gattung im Zeitalter von hochentwickelten spiegellosen Systemkameras und rechnergestützter Smartphone-Fotografie ausgestorben ist, wird von Sony eines Besseren belehrt. Mit der Vorstellung der Sony RX10 V bringt der japanische Elektronikriese ein neues Flaggschiff auf den Markt, das die Messlatte für All-in-One-Kameras nochmals höher legen soll. Doch bei einem stolzen Preis von rund 2.299 Euro im DACH-Raum stellt sich unweigerlich die Frage: Wer greift heute noch zu einer Kamera mit einem 1-Zoll-Sensor, wenn man für das gleiche Budget bereits hervorragende APS-C- oder gar Vollformat-Systeme erwerben kann? Genau an dieser Frage scheiden sich in der weltweiten Foto-Community die Geister, wie auch die jüngsten Diskussionen rund um erste kritische Testberichte zeigen.
Was beim ersten Auspacken überrascht, ist die schiere Präsenz der Kamera. Mit einem Gewicht von über einem Kilogramm und Abmessungen, die einer ausgewachsenen DSLR in nichts nachstehen, ist die RX10 V alles andere als eine kompakte Reisekamera. Doch dieses Volumen hat einen physikalischen Grund: das fest verbaute Zeiss Vario-Sonnar T* 24-600mm f/2.4-4 Objektiv. Wer diese enorme Brennweitenabdeckung mit einer Vollformatkamera abbilden möchte, müsste nicht nur ein Vermögen ausgeben, sondern auch ein tonnenschweres Gepäck mit sich herumschleppen. In der Praxis zeigt sich schnell, wie befreiend dieses Konzept sein kann. Ob weite Landschaften in den österreichischen Alpen bei 24 mm oder scheue Wildtiere im Nationalpark Neusiedler See bei 600 mm – ein Dreh am Zoomring genügt, ohne dass man jemals Gefahr läuft, Staub auf den Sensor zu bekommen. Die optische Leistung des Zeiss-Objektivs ist dabei über weite Strecken beeindruckend. Selbst am extremen Tele-Ende von 600 mm liefert das Objektiv eine Schärfe, die für die meisten Anwendungen mehr als ausreicht, auch wenn zu den Rändern hin ein leichter Kontrastabfall spürbar wird.
Der größte Sprung im Vergleich zum Vorgängermodell, der RX10 IV, liegt jedoch unter der Haube. Sony hat der RX10 V den neuesten BIONZ XR Bildprozessor und eine dedizierte KI-Verarbeitungseinheit spendiert. Das Resultat ist ein Autofokus-System, das in dieser Kameraklasse seinesgleichen sucht. Die Motiverkennung arbeitet extrem zuverlässig und erkennt nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Vögel, Fahrzeuge und Insekten im Bruchteil einer Sekunde. Für die Wildlife- und Sportfotografie ist das ein unschätzbarer Vorteil. Wenn ein Greifvogel im Sturzflug erfasst werden soll, klebt der Fokus regelrecht am Auge des Tieres. Dank des schnellen Stacked-CMOS-Sensors sind zudem extrem hohe Serienbildraten ohne Sucher-Blackout möglich. Fotografen, die schnelle Action einfangen müssen, werden diese Performance schätzen.
Dennoch bleibt das eingangs erwähnte Sensor-Dilemma bestehen. Der 1-Zoll-Typ Sensor ist zwar dank seiner Stacked-Architektur extrem schnell, kann aber physikalisch nicht mit der Lichtsammeleffizienz eines APS-C- oder Vollformatsensors mithalten. Bei strahlendem Sonnenschein oder gutem Studiolicht sind die Ergebnisse fantastisch – detailreich, farbneutral und mit gutem Dynamikumfang. Sobald jedoch die Dämmerung einsetzt oder in schlecht beleuchteten Sporthallen fotografiert werden muss, macht sich ab ISO 1.600 ein deutliches Bildrauschen bemerkbar, das durch die Rauschunterdrückung der Kamera oft zu einem Verlust an feinen Texturen führt. Wer primär in der Available-Light-Fotografie oder in dunklen Kirchen bei Hochzeiten unterwegs ist, wird mit diesem System an Grenzen stoßen.
Für wen ist die Sony RX10 V also die richtige Wahl? Im DACH-Markt richtet sich diese Kamera vor allem an anspruchsvolle Naturbeobachter, Reisefotografen, die ohne schweren Rucksack unterwegs sein wollen, und Hybrid-Kreative, die auch die exzellenten Videofunktionen (wie 4K mit hoher Bildrate und professionellen Log-Profilen) nutzen möchten. Verglichen mit einer Kombination aus einer APS-C-Kamera wie der Sony A6700 und einem dedizierten Telezoom wie dem Sony 70-350mm bietet die RX10 V zwar weniger Low-Light-Performance, aber eben auch den unschlagbaren Komfort eines nahtlosen 24-600mm-Bereichs ohne Objektivwechsel. Am Ende bleibt die RX10 V ein hochspezialisiertes Werkzeug: Für die einen der perfekte, kompromisslose Allrounder, für die anderen ein zu teures Nischenprodukt.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Enormer und extrem vielseitiger Brennweitenbereich von 24 bis 600 mm (äquivalent) deckt fast alle Genres ab
- ✓Hervorragender, KI-gestützter Autofokus mit präziser Echtzeit-Motiverkennung für Tiere, Vögel und Fahrzeuge
- ✓Sehr hohe Serienbildgeschwindigkeit ohne Blackout dank des schnellen Stacked-Sensors
- ✓Lichtstarke Offenblende von f/2.4 im Weitwinkel, die kreatives Freistellen im Nahbereich ermöglicht
- ✓Effektive optische Bildstabilisierung, die selbst bei 600 mm scharfe Freihandaufnahmen im Alltag erlaubt
- ✓Professionelle Videofunktionen inklusive S-Log3 und hoher Bitraten für anspruchsvolle Hybrid-Filmer
- ✓Robustes, wetterfestes Gehäuse mit hervorragender Ergonomie und tiefem Griff für sicheren Halt
- ✓Kein Staubrisiko auf dem Sensor, da das optische System komplett geschlossen und fest verbaut ist
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Sehr hoher Anschaffungspreis von rund 2.299 Euro, der auf dem Niveau moderner Vollformatsysteme liegt
- ✗Physikalische Limitierung des 1-Zoll-Sensors führt zu sichtbarem Bildrauschen ab ISO 1.600 bei wenig Licht
- ✗Mit über 1 kg Gewicht und spürbaren Abmessungen kein Leichtgewicht für die Jackentasche
- ✗Sucherbild und Menüführung erfordern trotz Verbesserungen eine längere Einarbeitungszeit
- ✗Die Akkulaufzeit schrumpft bei intensiver Nutzung des KI-Autofokus und des Suchers recht schnell
- ✗Leichter Schärfe- und Kontrastabfall an den extremen Bildrändern bei maximaler Telebrennweite von 600 mm
Titelbild: Foto von Ravi Palwe auf Unsplash

