Tamron 12-20mm f28 im Test Die neue Ultraweitwinkel-Referenz für Sony und Nikon

Tamron 12-20mm f/2.8 im Test: Die neue Ultraweitwinkel-Referenz für Sony und Nikon?

Tamron schlägt ein völlig neues Kapitel in seiner traditionsreichen Geschichte der Objektiventwicklung ein. Wer die Produktankündigungen des japanischen Herstellers in den letzten Jahren aufmerksam verfolgt hat, rieb sich beim Blick auf die Produktbezeichnung dieses neuen Ultraweitwinkel-Zooms vermutlich verwundert die Augen. Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich durch kryptische Buchstabenkombinationen wie „Di III“, „VXD“ oder komplexe Generationen-Zusätze kämpfen musste. Mit dem Tamron 12-20mm f/2.8 präsentiert der Hersteller ein radikales Rebranding: Der Name ist schlank, die Optik hingegen vollgepackt mit modernster Technik. Für einen Marktpreis von rund 1.800 Euro für die Nikon-Z-Variante und etwa 1.700 Euro für die Sony-E-Version positioniert sich dieses Objektiv als hochattraktive, professionelle Alternative zu den oft deutlich teureren und schwereren Original-Objektiven der Kamerahersteller. Im deutschsprachigen Raum, wo anspruchsvolle Landschafts-, Architektur- und Astrofotografen traditionell großen Wert auf kompromisslose mechanische und optische Qualität legen, trifft dieses Konzept auf extrem großes Interesse.

Beim ersten Auspacken fällt sofort das völlig überarbeitete Design auf. Tamron verabschiedet sich vom bekannten, eher dezenten Look der vergangenen Jahre und setzt stattdessen auf ein tiefes, mattes Schwarz mit einer spürbar strukturierten Oberfläche. Dieses neue Finish verleiht dem Objektiv ein deutlich moderneres, fast schon aggressives Äußeres, das hervorragend zu professionellen Gehäusen wie der Nikon Z8 oder einer Sony Alpha 7R V passt. Die Haptik ist exzellent: Die Einstellringe für Zoom und Fokus laufen satt und präzise. Trotz der enormen Lichtstärke von durchgehend f/2.8 und dem extremen Weitwinkel von 12 Millimetern ist das Objektiv überraschend kompakt gebaut. Mit einem Gewicht von knapp über 570 Gramm und einer Länge von rund 12 Zentimetern ab dem Bajonett liegt es hervorragend in der Hand und qualifiziert sich sofort als idealer Begleiter für lange Trekkingtouren in den Alpen oder ausgedehnte Städtetrips durch Wien oder Berlin.

Ein konstruktionsbedingtes Detail, das Landschaftsfotografen vor dem Kauf beachten müssen, ist die gewölbte Frontlinse in Kombination mit der fest verbauten, tulpenförmigen Gegenlichtblende. Ein klassisches Filtergewinde für herkömmliche Schraubfilter sucht man hier vergeblich. Wer dennoch nicht auf ND- oder Polfilter verzichten möchte, muss entweder auf spezielle, oft sperrige 150mm-Steckfiltersysteme von Drittherstellern zurückgreifen oder die Möglichkeit nutzen, maßgeschneiderte Gelatinefilter in den dafür vorgesehenen Halter am rückseitigen Metallbajonett einzusetzen. Zum Ausgleich für diesen kleinen Wermutstropfen ist das gesamte Gehäuse aufwendig gegen Staub und Feuchtigkeit abgedichtet, was im rauen Außeneinsatz bei plötzlichen Wetterumschwüngen für die nötige Sicherheit sorgt.

In puncto Ausstattung lässt Tamron bei diesem Vorzeigeobjektiv absolut nichts anbrennen. Das Gehäuse ist übersät mit nützlichen Bedienelementen, die sich über den integrierten USB-C-Anschluss und die hervorragende „Tamron Utility“-Software extrem detailliert an die eigenen Vorlieben anpassen lassen. Neben einem klassischen AF/MF-Schalter gibt es einen konfigurierbaren Steuerring, der standardmäßig als stufenloser Blendenring fungiert. Filmer werden sich besonders über den dedizierten De-Click-Schalter freuen, mit dem sich die Blende völlig geräuschlos verstellen lässt. Ein echtes Highlight für die Praxis ist zudem der Zoom-Lock-Schalter: Dieser verhindert ein unbeabsichtigtes Ausfahren des Tubus beim Transport, lässt sich jedoch bei Bedarf einfach durch ein etwas kräftigeres Drehen am Zoomring mechanisch überstimmen, ohne dass man erst mühsam nach dem Schalter tasten muss. Für Astrofotografen und Makro-Enthusiasten ist zudem der physische Fokus-Lock-Schalter ein Segen, der den manuell eingestellten Fokus absolut zuverlässig in Position hält.

In der optischen Praxis zeigt das Tamron 12-20mm f/2.8 ein faszinierendes, wenn auch in manchen Bereichen leicht eigenwilliges Verhalten. Beginnt man am extremen Weitwinkel-Ende bei 12mm, zieht das Objektiv bereits bei Offenblende f/2.8 eine beeindruckende Schärfe im Bildzentrum auf. Abgeblendet auf f/5.6 oder f/8 steigern sich Kontrast und Detailwiedergabe nochmals spürbar. Besonders erfreulich ist hier die extrem flache Bildebene (Flat Field): Wenn das Zentrum scharf fokussiert ist, sind es auch die Bildecken. Am langen Ende bei 20mm zeigt sich jedoch ein etwas anderes Bild. Während die Schärfe im Zentrum bei Offenblende minimal schwächer ausfällt als bei 12mm, offenbart das Abblenden eine ausgeprägte Bildfeldwölbung (Field Curvature). Wer hier flache Motive wie Häuserwände fotografiert und auf das Zentrum fokussiert, muss mit merklich weicheren Bildecken leben. Fokussiert man hingegen gezielt auf die Bildecken, verliert das Zentrum an Knackigkeit. Für die klassische dreidimensionale Landschaftsfotografie ist dies meist vernachlässigbar, bei strenger Architekturfotografie erfordert es jedoch etwas Aufmerksamkeit.

Ein absolutes Glanzstück liefert die optische Rechnung bei der Korrektur von Streulicht ab. Selbst bei direktem Gegenlicht im dichten Bergwald zeigt das Objektiv kaum störende Geisterbilder oder kontrastmindernde Schleier. Die neuartigen Vergütungen leisten hier ganze Arbeit. Zudem zaubert die integrierte 12-lamellige Blende bereits ab leichtem Abblenden wunderschöne, messerscharf definierte Sonnensterne ins Bild, die jedem Landschaftsfoto das gewisse Extra verleihen. Im Bereich der Astrofotografie glänzt das Tamron ebenfalls: Koma-Effekte, also die unschöne, flügelartige Verzeichnung von Sternen in den Bildecken, sind hervorragend korrigiert. Sterne bleiben auch bei f/2.8 bis weit in die Randbereiche hinein präzise Lichtpunkte.

Im direkten Vergleich zur Konkurrenz im DACH-Markt positioniert sich das Tamron geschickt. Das Sony FE 12-24mm f/2.8 GM ist zwar optisch über jeden Zweifel erhaben, kostet mit fast 3.000 Euro aber nahezu das Doppelte und ist ein massiver, schwerer Brocken an der Kamera. Das Sony 12-24mm f/4 G ist zwar kompakter, bietet aber eben nicht die lichtstarke Blende f/2.8, die für Astrofotografie oder Available-Light-Reportagen essenziell ist. Ähnlich verhält es sich im Nikon-System: Das hervorragende Nikkor Z 14-24mm f/2.8 S ist zwar exzellent korrigiert, startet aber erst bei 14mm und reißt ein deutlich tieferes Loch in die Haushaltskasse. Das Tamron 12-20mm f/2.8 schließt diese Lücke perfekt und bietet einen hochattraktiven Kompromiss aus extremem Weitwinkel, hoher Lichtstärke, kompakter Bauweise und einem hochgradig wettbewerbsfähigen Preis.

📷 Objektiv

📋 Technische Spezifikationen

🎥 Video
Extrem geringes Focus Breathing; de-clickbarer Blendenring; programmierbare Fokus-Effekte via Tamron Utility App.
⚙️ Weitere Details
Brennweitenbereich: 12-20mm; Lichtstärke: f/2.8 (durchgehend); Blendenlamellen: 12; Naheinstellgrenze: extrem gering (Objekt fast direkt vor der Frontlinse); Gewicht: ca. 570g (20 Unzen); Länge: ca. 12,2 cm; Filtergewinde: Keines (rückseitiger Gel-Filterhalter); Bajonettanschlüsse: Sony E-Mount, Nikon Z-Mount; Gehäuseschutz: Vollständige Wetterversiegelung; Besonderheiten: USB-C-Anschluss zur Individualisierung, Fokus-Lock-Schalter, innovativer Zoom-Lock.

✅ Vorteile (Pros)

  • Herausragende Schärfe im Bildzentrum bereits bei Offenblende f/2.8 über den gesamten Brennweitenbereich.
  • Extrem kompakter und leichter Formfaktor für ein f/2.8-Ultraweitwinkel-Zoom, ideal für Reisen, Wanderungen und den Gimbal-Einsatz.
  • Umfangreiche physische Bedienelemente am Tubus, darunter ein de-clickbarer Steuerring und ein praktischer Fokus-Lock-Schalter.
  • Hervorragende Leistung bei Gegenlicht mit minimalem Ghosting und wunderschönen, klaren Sonnensternen dank der 12 Blendenlamellen.
  • Sehr gut korrigierte Koma im Weitwinkelbereich, was das Objektiv zu einer exzellenten Wahl für die Astrofotografie macht.
  • Nahezu unsichtbares Focus Breathing, wodurch sich das Objektiv hervorragend für professionelle Videoaufnahmen eignet.
  • Vollständige Wetterversiegelung des Gehäuses für den kompromisslosen Einsatz bei widrigen Wetterbedingungen im DACH-Raum.
  • Direktes Feintuning der Objektivfunktionen und Firmware-Updates über die Tamron Utility App via integriertem USB-C-Port.

❌ Nachteile (Cons)

  • Deutliche Bildfeldwölbung (Field Curvature) am langen Ende bei 20mm, was die Randschärfe bei flachen Motiven beeinträchtigt.
  • Kein Front-Filtergewinde vorhanden – die Nutzung von ND- oder Polfiltern erfordert teure Steckfiltersysteme oder fummelige Gel-Filter im Bajonett.
  • Das Bokeh wirkt bei Offenblende im Nahbereich recht unruhig, harsch und zeigt auffällige Halos um Lichtpunkte.
  • Sichtbare Vignettierung bei Offenblende f/2.8, die insbesondere bei Landschafts- und Astroaufnahmen eine nachträgliche Korrektur erfordert.
  • Die extremen Bildecken fallen bei 12mm in der Schärfe im Vergleich zum hervorragenden Zentrum leicht ab.

Titelbild: Foto von Gary Meulemans auf Unsplash