Die Rückkehr der Flexibilität: VZ-6617 definiert Mittelformat neu
Die Ankündigung der VZ-6617 auf Kickstarter markiert einen bedeutsamen Wendepunkt in der Mittelformat-Fotografie: erstmals ermöglicht eine Kamera die nahtlose Umschaltung zwischen verschiedenen Bildformaten innerhalb einer einzigen Filmrolle. Dies ist keine bloße Ergänzung bestehender Technologien, sondern ein konzeptioneller Paradigmenwechsel, der die historischen Grenzen des analogen Mediums herausfordert.
Historischer Kontext: Von der Formatfixierung zur Formatflexibilität
Um die Signifikanz dieses Entwicklungsschritts vollständig zu verstehen, muss man die Entwicklungsgeschichte des Mittelformats betrachten. Seit der Einführung des 6×6-Formats durch Hasselblad in den 1940er Jahren war das Bildformat eine fundamentale, nicht veränderbare Eigenschaft jeder Mittelformat-Kamera. Die klassischen Systeme – ob Hasselblad 500C/M, Mamiya RB67, Pentax 67 oder Bronica – zwangen Fotografen zu einer binären Entscheidung vor der Aufnahme: Wähle dein Format und arbeite damit, bis die Filmrolle voll ist.
Diese Rigidität hatte durchaus ihre Logik in der analogen Ära. Jedes Format erforderte unterschiedliche optische Konstruktionen, verschiedene Filmebenen und andere mechanische Lösungen. Die Breitbildformate wie 6×17 oder 6×7 brauchten völlig andere Chassis als das quadratische 6×6-Format. Fotografen mussten sich zwischen dem unverwechselbaren Quadrat der Hasselblad oder dem cinematischen 6×7 der Pentax entscheiden – ein Kompromiss war technisch unmöglich.
Die digitale Fotografie hat uns in den letzten zwei Dekaden an die Vorstellung gewöhnt, dass Bildformate nachträglich bestimmt oder innerhalb einer Aufnahmesession beliebig gewechselt werden können. Dieser Komfortwert ist in die Erwartungshaltung moderner Fotografen eingegangen. Die VZ-6617 versucht nun, diese digitale Errungenschaft in die Welt des Analogfilms zu transportieren – eine technologische Brückenschlagung, die bislang als unmöglich galt.
Technische Innovation: Mechanische Lösung eines konzeptionellen Problems
Die praktische Umsetzung einer variablen Formatierung im Mittelformat stellt erhebliche ingenieurtechnische Herausforderungen dar. Die Filmebene muss präzise repositionierbar sein, ohne dabei die optische Qualität zu kompromittieren. Verschlusszeiten und Blendenwerte müssen bei unterschiedlichen Formaten kalibriert werden. Der Filmtransport muss flexibel genug sein, um verschiedene Bildgrößen zu ermöglichen, ohne dabei die charakteristische Qualität des Mediums zu opfern.
Dass die VZ-6617 als Kickstarter-Projekt startete, deutet darauf hin, dass hier innovative Köpfe außerhalb der etablierten Kamerahersteller am Werk sind. Dies ist ein faszinierendes Phänomen in der gegenwärtigen Kameralandschaft: Während die klassischen Hersteller wie Canon und Nikon das Mittelformat weitgehend aufgegeben haben (mit Ausnahme von Hasselblads digitalen Systemen), entstehen neue, oft klein- bis mittelständische Unternehmen, die gezielt Nischen im analogen Segment adressieren.
Marktanalyse: Wer profitiert wirklich von dieser Innovation?
Die redaktionelle Fotografie wäre der primäre Nutznießer. Magazine und Verlage, die mit Medium-Format arbeiten, könnten nun eine Aufnahmesession mit maximaler Flexibilität absolvieren. Ein Porträt-Shooting könnte im quadratischen 6×6-Format beginnen, zu einem schmaleren 6×9-Format für Gruppenaufnahmen übergehen und dann für dramatische Landschaftsaufnahmen im 6×17-Panoramaformat abschließen – alles auf einer Filmrolle, ohne Kamerawechsel.
Die künstlerische Fotografie könnte ebenfalls profitieren. Künstler wie Paolo Roversi oder andere Mittelformat-Puristen könnten neue kompositorische Möglichkeiten erkunden, ohne dabei ihre Geräte wechseln zu müssen. Die Konsistenz der optischen Charakteristiken (Bokeh, Farbwiedergabe, Schärfentiefe) bliebe während einer Aufnahmeserie erhalten, was bei Kamerawechseln problematisch sein kann.
Kommerzielle Anwendungen wie Fashion- und Werbefotografie könnten ihre Effizienz steigern. In einer Boutique-Session könnten unterschiedliche Produktformate auf verschiedenen Bildformaten optimal präsentiert werden – alles in einer Aufnahmesitzung mit demselben technischen Setup.
Kritisch zu betrachten ist allerdings: Welche Fotografen arbeiten noch aktiv mit Mittelformat-Film? Die digitale Mittelformat-Fotografie (Hasselblad, Phase One, Pentax 645Z) hat den klassischen Film weitgehend verdrängt. Der Markt für analoge Mittelformat-Kameras ist dramatisch geschrumpft. Die VZ-6617 könnte als Nischenlösung für eine kleine, aber leidenschaftliche Community konzipiert sein – nicht für Massenmarkt.
Der österreichische und europäische Kontext
Österreich und Deutschland haben eine starke Tradition in der Kamera- und Optikindustrie. Zeiss, Leica, Hasselblad – diese Namen sind tief in der europäischen optischen Präzisionstradition verwurzelt. Dass innovatives Mittelformat-Design durch Crowdfunding entsteht, ist symptomatisch für eine Industrieverschiebung: Die klassischen Großkonzerne haben sich aus diesem Segment zurückgezogen, während dezentralisierte, innovationsorientierte Kleinunternehmen die Lücke füllen.
Im deutschsprachigen Raum gibt es eine überproportional starke Community von Mittelformat-Enthusiasten. Wien und Berlin beherbergen zahlreiche spezialisierte Fotogalerien und Studios, die mit analogem Mittelformat arbeiten. Für diese Zielgruppe könnte die VZ-6617 von besonderem Interesse sein, da sie den Workflow-Anforderungen moderner, hybrider Fotografie entspricht.
Kritische Perspektive: Die Grenzen der Innovation
Einige Punkte verdienen kritische Betrachtung:
- Zuverlässigkeit und Langlebigkeit: Komplexe mechanische Systeme mit variablen Formaten sind anfälliger für Verschleiß und Justierungsprobleme als starre Konstruktionen. Die Frage ist, ob die VZ-6617 die Robustheit klassischer Mittelformat-Kameras erreicht.
- Optische Konsequenzen: Verschiedene Bildformate erfordern unterschiedliche Brennweiten-Äquivalente. Verändert sich die optische Perspektive wirklich, oder wird nur der Bildausschnitt beschnitten? Das wäre ein entscheidender Unterschied zur echten Formatflexibilität.
- Filmverschwendung: Wenn Formate innerhalb einer Rolle wechseln, entsteht zwangsläufig ungenutzter Filmbereich. Das ist ökologisch und ökonomisch problematisch.
- Kickstarter-Risiken: Crowdfunding-Projekte im Kamera-Segment haben eine gemischte Erfolgsquote. Die Lieferung funktionsfähiger Produkte war nicht immer garantiert.
Die größere Narrative: Analoges Kino im Zeitalter der Digitalisierung
Die VZ-6617 ist Teil einer interessanten kulturellen Gegenbewegung. Während die Fotografieindustrie sich vollständig digitalisiert hat, erleben analoge Systeme – insbesondere Mittelformat-Film – eine nostalgische Renaissance. Diese ist jedoch nicht bloß nostalisch: Sie ist auch eine Reaktion gegen die homogenisierte, pixel-perfekte Ästhetik digitaler Kameras.
Mittelformat-Film bietet etwas, das digitale Sensoren (zumindest noch) nicht vollständig replizieren können: eine organische, körnig-weiche Bildqualität, die subtile Farbabstufungen und eine dreidimensionale Raumwirkung erzeugt. Professionelle Magazine wie Vogue und Wall Street Journal haben ihre digitalen Workflows mit bewussten Analog-Einschüben bereichert, um diese ästhetischen Eigenschaften zu bewahren.
Fazit: Innovation als Nischenlösung
Die VZ-6617 verkörpert einen wichtigen Designgedanken: Dass Innovation nicht immer bedeutet, neue Kategorien zu schaffen, sondern bestehende Kategorien intelligenter zu machen. Sie adressiert ein reales Problem für eine kleine, aber qualitätsorientierte Fotografen-Community. Ob sie kommerziell erfolgreich sein wird, hängt von mehreren Faktoren ab – technischer Zuverlässigkeit, Preisstrategie und vor allem davon, ob sie wirklich jene Flexibilität bietet, die professionelle Fotografen erwarten.
Für den österreichischen und europäischen Markt könnte sie als willkommene Ergänzung des stagnierenden Mittelformat-Angebots wahrgenommen werden, solange sie ihre Versprechungen einlöst und eine Preisstrategie verfolgt, die den kleinen, dedizierten Markt realistisch reflektiert. Die Frage ist nicht, ob die VZ-6617 den Mittelformat-Markt revolutionieren wird – das ist unwahrscheinlich. Die Frage ist vielmehr, ob sie eine legitime Lösung für Fotografen bietet, die digitale Flexibilität mit analoger Ästhetik verbinden möchten.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von www.dpreview.com.
Titelbild: Foto von Jakob Owens auf Unsplash

