Es ist eine Nachricht, die die analoge Fotogemeinschaft weltweit aufhorchen lässt: Im Heimatmarkt von Fujifilm hat der amerikanische Gigant Kodak die Spitzenposition als bevorzugte Filmmarke übernommen. Dies geht aus der zweiten Ausgabe der umfassenden Film-Nutzungsumfrage hervor, die der japanische Branchenbeobachter Kimiyasu Morikawa kürzlich veröffentlicht hat. Diese jährliche Studie gilt als das einzige öffentlich zugängliche, wiederkehrende Barometer für das Verhalten von Analogfotografen in Japan. Dass ausgerechnet im Land von Fuji nun gelb-rote Schachteln die grünen Verpackungen dominieren, markiert einen tektonischen Wegenetz-Wechsel in der globalen Fotografie-Industrie. Es ist das greifbare Ergebnis einer jahrelangen Entwicklung aus drastischen Preiserhöhungen, Portfolio-Bereinigungen und strategischen Fehlentscheidungen.
Historischer Kontext: Der Niedergang der grünen Vorherrschaft
Um die Tragweite dieser Entwicklung zu verstehen, muss man einen Blick auf die letzten zwei Jahrzehnte werfen. Während des Niedergangs der analogen Fotografie in den 2000er-Jahren wählte Fujifilm einen radikalen Diversifikationskurs. Das Unternehmen rettete sich, indem es seine chemische Expertise auf die Kosmetikbranche (Astalift) und die Medizintechnik übertrug. Kodak hingegen schlitterte in die Insolvenz nach Chapter 11, strukturierte sich um und konzentrierte sich unter Kodak Alaris mühsam wieder auf das analoge Erbe. Doch während Kodak in Rochester (New York) in den letzten Jahren massiv in die Reaktivierung von Produktionslinien investierte und sogar neue Mitarbeiter einstellte, schien Fujifilm das analoge Segment stiefmütterlich zu behandeln.
Die Konsequenzen für Fotografen waren schmerzhaft. Fujifilm stellte legendäre Emulsionen wie den Fuji Pro 400H, den Schwarzweißfilm Neopan 400 und zahlreiche Diafilme entweder komplett ein oder erhöhte die Preise in astronomische Höhen. Wer heute in Europa oder Japan eine Dreierpackung Fujifilm Superia oder auch nur den einfachen C200 kaufen möchte, reibt sich angesichts der verlangten Summen ungläubig die Augen. Kodak hingegen nutzte die Gunst der Stunde: Trotz eigener Preisanpassungen blieb die Lieferfähigkeit von Klassikern wie dem Kodak Gold 200, ColorPlus und der professionellen Portra-Linie vergleichsweise stabil. Die Einführung von Kodak Gold im 120er-Mittelformat war ein genialer Schachzug, der genau jene Nische bediente, die Fujifilm mit dem Ende des Pro 400H im Mittelformat verwaist zurückließ.
Die chemische Kluft: Warum Kodaks Lieferkette triumphierte
Die Ursachen für diese historische Verschiebung liegen tief in den Produktionsstrukturen der beiden Giganten verankert. Die Herstellung von Farbnegativfilmen ist ein hochkomplexer Prozess, der präzise aufeinander abgestimmte chemische Gussanlagen erfordert. Kodak Alaris, das für den Vertrieb der von Eastman Kodak in Rochester hergestellten Filme zuständig ist, hat in den vergangenen Jahren erhebliche Summen investiert, um die Effizienz seiner Gießmaschinen (insbesondere der riesigen Anlage ‘Building 38’) zu steigern. Trotz weltweiter Lieferkettenprobleme und Rohstoffknappheit gelang es den Amerikanern, den Ausstoß von Emulsionen wie dem Tri-X Schwarzweißfilm und den Farbklassikern kontinuierlich hochzufahren.
Im Gegensatz dazu hat Fujifilm seine Gusskapazitäten in Ashigara drastisch zurückgefahren. Die verbliebenen Maschinen wurden teilweise für die Produktion von Instax-Sofortbildfilmen umgerüstet. Der Instax-Bereich ist für Fujifilm eine absolute Goldgrube und generiert Milliardenumsätze, während der klassische 35mm- und 120er-Rollfilmmarkt im Vergleich dazu nur minimale Margen abwirft. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist Fujis Fokus auf Instax verständlich, doch für die weltweite Gemeinschaft der analogen Enthusiasten fühlt es sich wie ein schleichender Abschied an. Die extremen Preiserhöhungen von Fujifilm – oft als ‘Strafzölle’ auf das analoge Hobby wahrgenommen – dienten vermutlich auch dazu, die Nachfrage künstlich einzudämmen, um die überlasteten Produktionskapazitäten nicht völlig kollabieren zu lassen. Kodak hingegen erkannte das Revival der analogen Fotografie als langfristigen Trend und baute seine Marktführerschaft systematisch aus.
Praktische Auswirkungen für verschiedene Fotografentypen
Der Wechsel von Fujifilm zu Kodak ist keine bloße Markenpräferenz, sondern beeinflusst die Ästhetik und die Arbeitsweise von Fotografen weltweit fundamental. Die beiden Hersteller stehen traditionell für völlig unterschiedliche Farbwissenschaften (Color Science):
- Porträt- und Hochzeitsfotografen: Jahrelang war der Fujifilm Pro 400H der unangefochtene Liebling für Hochzeiten im Freien. Seine charakteristischen, kühlen Grüntöne und die pastelligen, schmeichelhaften Hauttöne prägten den typischen ‘Fine-Art’-Hochzeitsstil. Durch das Verschwinden dieses Films mussten unzählige Dienstleister auf Kodak Portra 400 umsteigen. Portra liefert deutlich wärmere, gelb-orange betonte Hauttöne. Dieser ästhetische Shift ist heute in fast allen modernen Hochzeitsportfolios sichtbar.
- Straßenfotografen (Street Photography): Für die Street-Community ist der Preis pro Auslösung der entscheidende Faktor. Fujifilm C200 und Superia X-Tra 400 waren einst die erschwinglichen Alltagsbegleiter. Da diese Filme kaum noch lieferbar oder schlicht zu teuer sind, dominieren heute Kodak Gold 200 und Kodak ColorPlus 200 die Straßen. Wer einen schnelleren Film benötigt, greift notgedrungen zu Kodak UltraMax 400.
- Landschaftsfotografen: Hier schmerzt der Wandel besonders. Fujis Velvia 50 und Provia 100F waren die Goldstandards für extreme Farbsättigung und messerscharfe Details. Da die Verfügbarkeit von Fuji-Diafilmen gegen Null tendiert, weichen Landschaftsfotografen entweder auf den extrem feinkörnigen Kodak Ektar 100 (Negativfilm) oder den Kodak Ektachrome E100 (Diafilm) aus, der nach seiner Wiederbelebung im Jahr 2018 eine stabile Alternative darstellt.
Marktauswirkungen auf den DACH-Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz)
Die in Morikawas japanischer Studie dokumentierten Trends spiegeln sich eins zu eins in Deutschland und Österreich wider. Ein Blick in die Regale führender Fachhändler wie Fotoimpex in Berlin, Calumet Photographic oder dem Wiener Traditionsgeschäft JoGeier zeigt ein eindeutiges Bild: Die Regale für Fujifilm-Produkte sind oft gähnend leer oder mit astronomischen Preisschildern versehen. Ein einzelner Fujifilm Superia 400 kostet im DACH-Raum mittlerweile oft über 15 Euro – sofern er überhaupt lieferbar ist. Kodak Gold 200 im Dreierpack hingegen ist bei großen Drogerieketten wie DM oder Rossmann in Deutschland und BIPA in Österreich, trotz zeitweiser Engpässe, immer wieder zu verhältnismäßig moderaten Preisen zu finden.
Für die DACH-Region bedeutet der Triumph von Kodak auch eine Verschiebung der Einkaufsgewohnheiten. Fotografen kaufen seltener spontan im Laden und weichen vermehrt auf spezialisierte Online-Händler aus, die Direktimporte oder alternative Nischenmarken anbieten. Da Fujifilm als verlässlicher Lieferant wegbricht, drängen zudem neue Akteure in die Lücke. Marken wie Harman mit dem ‘Phoenix 200’ oder italienische Lizenzbauten versuchen, die Lücke zu füllen, die Fujifilm hinterlassen hat. Dennoch bleibt Kodak der unangefochtene Profiteur dieser Krise. Wenn selbst die notoriously markentreuen japanischen Fotografen ihrer heimischen Ikone den Rücken kehren, ist dies ein unmissverständliches Signal an die Konzernzentrale in Tokio: Wer den analogen Markt nur noch als lästiges Erbe betrachtet, verliert seine treuesten Kunden an die Konkurrenz aus Übersee.
Zusätzlich befeuert dieser Wandel den Boom lokaler Filmlabore in Metropolen wie Berlin, Wien, München und Graz. Neue, spezialisierte Labore wie ‘Nanolab’ oder ‘Görner Foto’ erleben einen ungebrochenen Zulauf von jungen Kreativen, die den analogen Look für sich entdecken. Da diese Labore auf eine stetige Versorgung mit Filmmaterial angewiesen sind, schließen sie zunehmend langfristige Lieferverträge mit Kodak-Distributoren ab. Fujifilm spielt in den Regalen dieser modernen Labs kaum noch eine Rolle, was die Marginalisierung der Marke im DACH-Raum weiter beschleunigt. Wer heute analog fotografiert, fotografiert zwangsläufig gelb.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von petapixel.com.

