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Voigtländer APO-Lanthar 90mm F/4 Close Focus VM im Test: Das ultimative kompakte Tele für Leica M?

Die Brennweite von 90 mm gehört auf Messsucherkameras seit jeher zu den anspruchsvollsten Disziplinen. Während Weitwinkel- und Standardbrennweiten das natürliche Terrain einer Leica M darstellen, erfordern längere Brennweiten höchste Präzision beim Fokussieren durch den optischen Sucher. Viele klassische 90-mm-Objektive leiden zudem unter zwei entscheidenden Nachteilen: Sie sind entweder groß und schwer, wodurch sie das Sucherfenster empfindlich abschatten, oder sie weisen bei Offenblende sichtbare optische Fehler auf. Mit dem neuen Voigtländer APO-Lanthar 90mm F/4 Close Focus VM präsentiert Cosina nun einen extrem spannenden Lösungsansatz, der maximale optische Korrektur mit einer bisher ungekannten Kompaktheit kombiniert.

Was beim ersten Auspacken sofort überrascht, sind die geradezu winzigen Abmessungen dieses Teleobjektivs. Mit einer Länge von nur 54,8 mm und einem Gewicht von gerade einmal 235 Gramm verschwindet das Objektiv mühelos in jeder Jackentasche. Auf einer Leica M11 oder M10 montiert, wirkt die Kombination hervorragend ausbalanciert und erinnert haptisch eher an ein klassisches 50-mm-Objektiv als an ein ausgewachsenes Tele. Für die Reise- und Street-Photography ist dieser Formfaktor ein unschätzbarer Vorteil. Wo ein lichtstarkes f/2.0-Objektiv die Kamera kopflastig macht und im Messsucher einen großen schwarzen Fleck in der unteren rechten Ecke hinterlässt, bleibt das Sichtfeld mit dem APO-Lanthar f/4 nahezu komplett frei. Auch die Verwendung von Standard-Filtergewinden mit 43 mm unterstreicht den minimalistischen, aber hochgradig funktionalen Ansatz.

Im direkten Vergleich zum bereits etablierten Voigtländer 90mm f/2.8 Apo-Skopar zeigt sich, dass Cosina hier bewusst die Lichtstärke um eine Blendenstufe reduziert hat, um ein noch kompakteres Design und vor allem die innovative Nahfokus-Funktion zu realisieren. Die optische Konstruktion ist ein Meisterwerk moderner Linsenberechnung: Acht Linsen in sechs Gruppen, wobei fast alle Elemente aus speziellem Glas mit anormaler Teildispersion gefertigt sind. Diese aufwendige apochromatische Korrektur (APO) sorgt dafür, dass die drei Primärfarben Rot, Grün und Blau auf exakt derselben Bildebene zusammentreffen. In der Praxis bedeutet dies eine nahezu vollständige Eliminierung von axialen und lateralen chromatischen Aberrationen. Selbst an extrem kontrastreichen Kanten – etwa bei Gegenlichtaufnahmen durch herbstliche Baumkronen oder bei glänzenden Metalloberflächen – sucht man Farbsäume vergeblich. Die Abbildungsleistung ist bereits bei Offenblende f/4 bis in die äußersten Bildecken hinein knackscharf und kontrastreich.

Ein echtes Highlight, das dieses Objektiv von fast allen klassischen Messsucher-Teles abhebt, ist die Nahfokus-Funktion. Traditionelle Leica-M-Objektive sind durch die mechanische Kopplung des Messsuchers auf eine Naheinstellgrenze von 0,7 Metern limitiert. Das APO-Lanthar 90mm F/4 geht hier jedoch einen entscheidenden Schritt weiter: Der präzise gefertigte Ganzmetall-Helicoid erlaubt es, über diesen Punkt hinaus bis auf 0,5 Meter scharfzustellen. In diesem erweiterten Nahbereich entkoppelt sich das Objektiv zwar vom optischen Messsucher, lässt sich jedoch über den Live-View-Modus des Kameradisplays oder einen elektronischen Aufstecksucher (EVF) perfekt fokussieren. Bei 0,5 Metern wird ein maximaler Abbildungsmaßstab von 1:3,6 (0,28x) erreicht. Das ist zwar kein reinrassiges Makro, reicht aber in der Praxis vollkommen aus, um faszinierende Detailaufnahmen, Texturen oder enge Porträts mit wunderschöner Hintergrundunschärfe zu realisieren. Die zehn Blendenlamellen sorgen dabei für ein erstaunlich weiches, kreisrundes Bokeh, das trotz der moderaten Lichtstärke von f/4 eine sehr plastische Freistellung des Motivs ermöglicht.

Für wen ist dieses Objektiv also gedacht? Porträtfotografen, die vor allem im Studio arbeiten oder extreme Low-Light-Freistellung suchen, werden vermutlich weiterhin zu einem f/2.0 oder f/1.5 greifen. Wer jedoch als Landschafts-, Reise- oder Street-Fotograf im DACH-Raum unterwegs ist, findet hier ein nahezu perfektes Werkzeug. Bei Bergwanderungen in den österreichischen Alpen oder beim Streifzug durch deutsche Metropolen zählt jedes Gramm im Fotorucksack. Hier glänzt das Voigtländer auf ganzer Linie. Zudem ist der projizierte Bildkreis so großzügig dimensioniert, dass sich das Objektiv hervorragend mittels Adapter an spiegellosen Vollformatkameras von Sony, Nikon oder Canon nutzen lässt, wo der integrierte Bildstabilisator (IBIS) der Kamera die moderate Lichtstärke von f/4 bei Freihandaufnahmen effektiv ausgleicht.

Mit einem erwarteten Marktpreis im deutschsprachigen Raum von ca. 650 bis 750 Euro positioniert Cosina das Objektiv äußerst attraktiv. Angesichts der gebotenen apochromatischen Abbildungsleistung, der makellosen mechanischen Verarbeitung und der einzigartigen Nahfokus-Option ist dieses Objektiv eine extrem starke und preiswerte Alternative zu den oft um ein Vielfaches teureren Originalen aus Wetzlar.

📷 Objektiv

📋 Technische Spezifikationen

📸 Hauptkamera
Nicht zutreffend (Objektiv)
⚙️ Weitere Details
Brennweite: 90mm | Lichtstärke: f/4 | Optischer Aufbau: 8 Linsen in 6 Gruppen (anomale Teildispersion) | Naheinstellgrenze: 0,5m (Live View) / 0,7m (Messsucher-gekoppelt) | Blendenlamellen: 10 | Filtergewinde: 43mm | Abmessungen: 54,8mm Länge, 235g Gewicht | Anschluss: Leica VM (M-Mount)

✅ Vorteile (Pros)

  • Herausragende apochromatische Korrektur eliminiert Farbsäume und chromatische Aberrationen selbst bei extremen Kontrasten vollständig
  • Extrem kompakter Formfaktor mit nur 54,8 mm Länge blockiert das Sucherfenster von Leica-M-Kameras praktisch überhaupt nicht
  • Erweiterte Naheinstellgrenze von 0,5 m (über Live View) ermöglicht detailreiche Close-up-Aufnahmen mit 0,28-facher Vergrößerung
  • Hervorragende mechanische Verarbeitung mit seidenweichem, präzise gedämpftem Fokus-Helicoid aus Ganzmetall
  • Sehr harmonisches und weiches Bokeh dank der Konstruktion mit 10 kreisrunden Blendenlamellen
  • Großer Bildkreis ermöglicht die problemlose und vignettierungsfreie Adaption an spiegellose Vollformat-Systeme wie Sony E oder Nikon Z
  • Äußerst attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zu klassischen Messsucher-Teleobjektiven im Premium-Segment

❌ Nachteile (Cons)

  • Die maximale Lichtstärke von f/4 schränkt den Einsatz bei extremen Low-Light-Verhältnissen spürbar ein
  • Die Messsucher-Kopplung endet konstruktionsbedingt bei 0,7 m; für den Bereich bis 0,5 m ist zwingend Live View oder ein EVF erforderlich
  • Als rein manuelles Objektiv erfordert das Scharfstellen bei 90 mm und bewegten Motiven viel Übung und Konzentration
  • Keine elektronischen Kontakte zur Übertragung von EXIF-Daten wie Blendenwert oder Objektivprofil an das Kameragehäuse
  • Keinerlei Wetterschutz oder Dichtungen gegen Staub und Feuchtigkeit vorhanden
  • Ein fehlender optischer Bildstabilisator erhöht das Verwacklungsrisiko bei Freihandaufnahmen ohne kameraseitigen IBIS