DaVinci Resolve 21 Das Ende der Adobe-Abhängigkeit
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DaVinci Resolve 21: Das Ende der Adobe-Abhängigkeit?

Die Neuausrichtung einer Videosoftware: Blackmagic betritt das Fotobereich-Segment

Blackmagic Design hat mit der Veröffentlichung von DaVinci Resolve 21 einen überraschenden Schachzug vollzogen: Die traditionell als Videobearbeitungs- und Farbkorrektionssoftware bekannte Anwendung erhält nun einen vollständigen Photo-Modus mit Organisationsfunktionen, Raw-Unterstützung und AI-gestützten Werkzeugen. Der neue Modus ermöglicht die Verwaltung von Bildsammlungen in Alben, die Anwendung von Ratings und Labels sowie eine intelligente Bildsuche. Besonders hervorzuheben ist die Unterstützung für Raw-Dateien von Canon, Sony, Nikon, Fujifilm und Apple, ergänzt um native Unterstützung für JPEG und HEIC-Formate. Die Preisstrategie ist dabei radikal: Während die Basisversion kostenlos verfügbar ist, kostet die vollständige Studio-Version 300 Euro als einmalige Zahlung.

Historischer Kontext: Das Paradigma des Nonlinear Editing Systems

Um die Bedeutung dieser Ankündigung vollständig zu erfassen, muss man verstehen, dass DaVinci Resolve seit seiner Gründung durch Ed Mullin 1984 primär als Farbkorrektionssystem für die Kinobranche entwickelt wurde. Die Software war lange Zeit ein Spezialwerkzeug für Coloristen, die in High-End-Produktionen tätig waren. Mit der Übernahme durch Blackmagic Design im Jahr 2009 wurde Resolve schrittweise in ein vollständiges Nonlinear Editing System transformiert, das Video-, Audio- und Farbbearbeitung integriert.

Die Photografie-Integration stellt nun einen logischen, aber dennoch gewagten nächsten Schritt dar. Historisch betrachtet haben sich spezialisierte Software-Hersteller – vom Negativlabor bis zur digitalen Dunkelkammer – immer darauf konzentriert, ein Medium perfekt zu beherrschen. Adobe Lightroom und Capture One Studio sind beide aus dieser Tradition erwachsen und haben sich über Jahrzehnte auf die spezifischen Anforderungen von Fotografen konzentriert. Blackmagic verfolgt einen anderen Ansatz: die Synthese von Video- und Fotografie-Workflows durch gemeinsame technologische Infrastrukturen.

Die Node-Based Architektur: Ein Paradigmenwechsel für Fotografen

Das Kernfeature der neuen Photo-Tools ist die Node-basierte Bearbeitungsarchitektur. Dies ist für viele Fotografen, die mit der linearen Slider-Interface von Lightroom oder Capture One vertraut sind, ein erheblicher konzeptioneller Umstieg. Node-basierte Systeme ermöglichen es, Adjustments als unabhängige, verkettbare oder voneinander unabhängige Effekte zu definieren.

Praktisches Beispiel: Ein Fotograf kann mit der implementierten "Magic Mask"-Funktion einen Bildbereich selektieren, während die globale Farbkorrektur auf das gesamte Bild angewendet wird und zusätzliche Anpassungen nur auf die maskierte Region wirken. Diese Flexibilität ist konzeptionell dem Arbeiten mit Adjustment Layers in Photoshop oder modernen RAW-Editoren wie RawTherapee näher als dem traditionellen Lightroom-Paradigma.

Allerdings hat Blackmagic erkannt, dass nicht alle Fotografen mit Nodes arbeiten möchten. Das System bietet deshalb auch konventionelle Slider für grundlegende Parameter wie Helligkeit, Farbtemperatur und Sättigung an. Zusätzlich sind „Film Looks”-Presets vorhanden, und das System unterstützt LUT-Anwendung (Look Up Tables) – eine Technologie, die direkt aus der Videowelt stammt.

GPU-beschleunigte Verarbeitung: Der Performance-Vorteil

Ein oft übersehener, aber entscheidender technischer Vorteil liegt in der GPU-Beschleunigung. Blackmagic behauptet, dass Raw-Verarbeitung und Bildexport durch GPU-Nutzung „drastisch schneller” als bei konventionellen Foto-Anwendungen erfolgt. Dies basiert auf DaVinci Resolves jahrzehntelanger Erfahrung mit hochperformanter Echtzeitverarbeitung von High-Resolution-Videomaterial.

In der Praxis bedeutet dies: Während Lightroom bei der Verarbeitung von 100-Megapixel-Dateien oder komplexer Batch-Operationen in 4K-Raw-Sequenzen an seine Grenzen stoßen kann, könnte Resolve hier Vorteile ausspielen. Dies ist besonders relevant für Profifotografen, die mit Mittelformat-Kameras arbeiten oder große Bildmengen in kurzer Zeit verarbeiten müssen.

Kamera-Integration und Tethering: Das professionelle Ökosystem

Die Unterstützung für Live-Tethering mit Canon- und Sony-Kameras ist ein Feature, das primär professionelle Fotografen adressiert. Tethering ermöglicht es, Bilder während der Aufnahme in Echtzeit auf dem Monitor zu sehen, was bei Studio-, Werbe- und Fashion-Fotografie essentiell ist. Dass Blackmagic hier bereits mit Canon und Sony integriert hat, zeigt ein bewusstes Commitment zum professionellen Segment.

Anwendungsszenarien: Wer profitiert am meisten?

Videografen und Content Creator: Die primäre Zielgruppe sind zweifellos Videofilmer, die gelegentlich auch Standbilder bearbeiten. Für sie stellt Resolve einen integrierten Workflow dar – ein System, in dem Farbgrading zwischen Video und Foto nahtlos funktioniert. Ein Farbgrad, der für eine Videosequenz entwickelt wurde, kann direkt auf ein Still angewendet werden.

Coloristen in Hybrid-Produktion: In modernen Produktionen, insbesondere in der Werbung, verschmelzen Fotografie und Videografie zunehmend. Ein Colorist, der eine TV-Spot für eine Modemarke farblich gestaltet, kann nun die Produktfotos im identischen Farbvokabular in derselben Software korrigieren.

Professionelle Fotografen mit technischem Fokus: Fotografen, die bereits mit Node-basierten Systemen (wie Nuke oder anderen VFX-Tools) vertraut sind, werden die erweiterte Kontrolle schätzen. Besonders in den Bereichen Architektur-, Produkt- und High-End-Retusche könnten Node-basierte Workflows Vorteile bieten.

Wissenschaftliche und technische Fotografie: In Bereichen wie Mikroskopie oder technischer Dokumentation, wo präzise Farbkalibrierung und reproduzierbare Workflows zentral sind, könnte das System attraktiv sein.

Hobbyisten und Enthusiasten: Die kostenlose Basis-Version macht DaVinci Resolve für Anfänger zugänglich, ohne dass finanzielle Barrieren entstehen. Dies könnte einen signifikanten Anteil von Lightroom-Nutzern erreichen, die momentan wegen des Abonnementmodells frustriert sind.

Marktauswirkungen im deutschsprachigen Raum

In Österreich und Deutschland hat sich traditionell ein starkes Profisegment etabliert, besonders im Bereich der Werbe-, Mode- und Architekturfotografie. Diese Märkte sind gleichzeitig diejenigen, in denen Adobe-Produkte am tiefsten verankert sind – nicht nur Lightroom, sondern auch Photoshop und After Effects als Teil des gesamten Creative-Cloud-Ökosystems.

Jedoch zeigen sich Risse in dieser Dominanz. Das Abonnementmodell von Adobe hat eine signifikante Kohorte von Fotografen unzufrieden gemacht, besonders in Deutschland, wo eine Kulturpräferenz für transparente Preismodelle existiert. DaVinci Resolves einmalige 300-Euro-Zahlungsmodell für die Studio-Version ist aus europäischer Perspektive psychologisch attraktiver als Adobe Lightroom Classic mit 11,49 Euro pro Monat plus Speicherkosten.

Zusätzlich bietet die Integration mit Videowerkzeugen für österreichische und deutsche Produktionshäuser – die verstärkt Hybrid-Content erstellen – einen neuen Wertproposition. Ein Budget für Software könnte konsolidiert werden: statt separater Lizenzen für DaVinci Resolve (Video) und Lightroom/Capture One (Foto) benötigt man möglicherweise nur noch Resolve.

Technische Herausforderungen und Beta-Status

Der Originalquellmaterial deutet an, dass Resolve 21 als Beta veröffentlicht wird, was ernsthaft zu nehmen ist. Der Test der Quellmaterial-Redaktion zeigte Exportfehlgeschichten und Decodierungsprobleme, was darauf hindeutet, dass die Photo-Module noch nicht vollständig reif sind. Dies ist typisch für Blackmagics Entwicklungsphilosophie, die öffentliche Betas nutzt, um Feedback zu sammeln.

Aus europäischer Perspektive könnte dies als Vorteil oder Nachteil interpretiert werden: Vorteil, weil es Fotografen ermöglicht, früh Feedback zu geben und das Produkt zu formen; Nachteil, weil kritische Funktionen möglicherweise für Produktionseinsatz noch nicht reif sind.

Die Geschäftsmodell-Transformation

Interessant ist auch die Aussage des Blackmagic-CEOs während der Ankündigung, dass das Unternehmen möglicherweise zukünftig für Upgrades ein Abonnement-Modell einführen könnte. Dies ist eine bewusst ambivalente Kommunikation – die aktuelle einmalige Zahlung wird als Vorteil verkauft, während gleichzeitig signalisiert wird, dass dies nicht dauerhaft garantiert ist. Dieser Ansatz entspricht eher dem Spielbuch von Unternehmen wie Serif (mit Affinity-Suite), die Preistransparenz und faire Pricing als Differenzierungsmerkmal nutzen.

Vergleich mit etablierter Konkurrenz

Versus Adobe Lightroom: Lightroom ist in seinem Kernbereich – schnelle, intuitive Raw-Verarbeitung mit exzellenter Organisationsfunktionalität – noch effizienter. Aber Resolve bietet fortgeschrittenere Farbbearbeitung und GPU-Performance.

Versus Capture One Studio: Capture One ist bekannt für überlegene Raw-Verarbeitung und Tethering-Funktionalität. Resolve könnte hier konkurrieren, muss aber erst beweisen, dass es dieselbe Stabilität und Zuverlässigkeit bietet.

Versus RawTherapee/Darktable: Diese Open-Source-Alternativen haben bereits Node-basierte Editoren (teilweise) und bieten Kostenlosigkeit. Resolves Vorteil liegt in der Video-Integration und kommerzieller Unterstützung.

Fazit: Ein systemischer Angriff auf Adobes Hegemonie

Blackmagics Eintritt in den Fotografie-Markt ist nicht nur eine Produkterweiterung, sondern ein strategischer Angriff auf Adobes dominante Position. Durch die Kombination von fortgeschrittener Technologie, aggressivem Pricing und Integration mit Videowerkzeugen positioniert sich Blackmagic als Disruptor in einem Markt, der lange von Adobe dominiert wurde.

Für deutschsprachige Fotografen, insbesondere für Profis in Hybrid-Produktions-Umgebungen, könnte dies eine echte Alternative darstellen. Die nächsten 12-18 Monate werden entscheidend sein: Wenn Blackmagic die Beta-Phase gut nutzt und eine robuste, vollständige Lösung liefert, könnte dies tatsächlich das Ende der Adobe-Subscription-Ära für viele Fotografen bedeuten.


Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von www.dpreview.com.

Titelbild: Foto von Ilya Pavlov auf Unsplash