Kaum eine Kamera hat in den letzten Jahren die Welt der Content Creation, des Reise-Vloggings und der schnellen B-Roll-Produktion so nachhaltig geprägt wie die DJI Osmo Pocket 3. Ihr Nachfolger, die standardmäßige Pocket 4, war zwar ein solides Upgrade, konnte das sprichwörtliche Feuer der Begeisterung jedoch nicht im gleichen Maße entfachen. Es schien fast so, als hätte der Branchenriese DJI absichtlich wichtige Innovationen zurückgehalten. Nur wenige Monate später folgt nun die Antwort: die DJI Osmo Pocket 4P. Mit einem neuartigen Dual-Kamera-Konzept und einer revolutionären Sensortechnologie soll dieses ultrakompakte Kamerasystem die Messlatte für mobile Videografie in völlig neue Höhen schrauben. Doch hält die Praxis, was die ambitionierten Marketing-Versprechungen ankündigen? Für ambitionierte Fotografen und Filmemacher im deutschsprachigen Raum stellt sich die Frage, ob dieses Gerät den anspruchsvollen Workflow bereichern kann oder ob die Software-Hürden den kreativen Fluss blockieren.
Das auffälligste Merkmal der neuen Pro-Variante ist das optische System mit zwei separaten Brennweiten. Die Hauptkamera setzt auf ein bewährtes Weitwinkelobjektiv mit einer kleinbildäquivalenten Brennweite von 20 mm und einer Lichtstärke von f/2.0. Diese Kombination eignet sich hervorragend für klassische Vlogging-Szenarien, Landschaftsaufnahmen oder die Dokumentation enger Innenräume. Der eigentliche Star verbirgt sich jedoch hinter der Linse: ein Typ-1-Sensor, der erstmals mit der sogenannten LOFIC-Technologie (Lateral Overflow Integration Capacitor) ausgestattet ist. Diese Technologie verhindert das vorzeitige Ausfressen heller Bildbereiche, indem überschüssige Ladung der Pixel in einen zusätzlichen Kondensator abgeleitet wird. DJI wirbt in diesem Zusammenhang mit einem phänomenalen Dynamikumfang von bis zu 17 Blendenstufen – ein Wert, der selbst modernste Vollformat-Kameras in den Schatten stellen würde.
Flankiert wird die Weitwinkeleinheit von einer neuen Telekamera, die eine kleinbildäquivalente Brennweite von 60 mm bei einer hohen Lichtstärke von f/1.8 bietet. Auf dem Papier klingt dies nach einer perfekten Ergänzung, um filmische Porträts mit natürlicher Tiefenunschärfe oder detailreiche Nahaufnahmen zu realisieren. In der Praxis offenbart sich jedoch ein qualitatives Gefälle. Die Telekamera muss mit einem kleineren Typ-1/1.28-Sensor vorliebnehmen, was zu einer rechnerischen Vollformat-Äquivalenz von f/6.3 bezüglich der Tiefenschärfe führt. Schwerwiegender ist jedoch der Verzicht auf die LOFIC-Technologie bei diesem Sensor. Dadurch hinkt die Telekamera in puncto Dynamikumfang der Hauptkamera spürbar hinterher. Während die Hauptkamera kontrastreiche Lichtverhältnisse mühelos meistert, neigt das Tele-Modul in den Lichtern deutlich schneller zum Clipping, was bei direktem Zusammenschnitt des Materials auffallen kann.
Um die versprochenen 17 Blendenstufen auf den Prüfstand zu stellen, bietet sich der Vergleich mit etablierten Kinokameras oder High-End-Systemen an. Im direkten Vergleich mit einer Panasonic Lumix S1 II im Dynamic Range Boost-Modus, die unter Laborbedingungen rund 15 nutzbare Blendenstufen liefert, zeigt sich ein differenziertes Bild. Zwar erreicht die DJI Osmo Pocket 4P die beworbenen 17 Blendenstufen in der realen Praxis nicht ganz, dennoch ist die Zeichnung in den Lichtern für einen Sensor dieser Größenordnung absolut atemberaubend. Das neu eingeführte D-Log 2-Profil schöpft das Potenzial des LOFIC-Sensors hervorragend aus und bietet in der Postproduktion enormen Spielraum für Color Grading. Die Schatten bleiben erstaunlich rauscharm, während der Übergang in die hellsten Bildbereiche sehr weich verläuft.
Das Gehäuse der Pocket 4P bleibt erfreulich kompakt und lässt sich problemlos in der Jackentasche verstauen. Die Verarbeitungsqualität ist auf dem gewohnt hohen Niveau von DJI. Der integrierte 103 GB große Speicher sorgt für ein beruhigendes Polster im Aufnahmealltag, während der microSD-Kartenslot Flexibilität für lange Drehtage garantiert. Die Bedienung erfolgt primär über das kleine, zwei Zoll große Touch-Display. Und genau hier offenbaren sich im professionellen Einsatz spürbare Schwächen. Das Auswählen kleiner Symbole oder das manuelle Justieren von Belichtungsparametern gerät mitunter zum Geduldsspiel. Zudem fehlen essenzielle Werkzeuge wie ein direkt auf dem Bildschirm anzeigbares Histogramm oder ein Waveform-Monitor. Wer präzise belichten möchte, ist gezwungen, die DJI Mimo App auf dem Smartphone zu nutzen – ein Umstand, der den kompakten Charakter des Systems konterkariert.
Besonders anspruchsvolle Videografen, die das volle Potenzial der Kamera ausschöpfen wollen, stoßen im Alltag auf Software-Hürden. Möchte man von der Hauptkamera im D-Log 2-Modus auf die Telekamera wechseln, verweigert das System den direkten Zoom und verlangt einen manuellen Wechsel des Farbprofils, da die Telekamera D-Log 2 nicht unterstützt. Dieser Prozess erfordert tiefes Navigieren in den Menüs. Hinzu kommt, dass beide Kameras unterschiedliche native Basis-ISO-Werte besitzen (ISO 100 bei der Hauptkamera im D-Log 2 vs. ISO 400 bei der Telekamera im D-Log). Beim Umschalten merkt sich die Kamera die vorherigen Belichtungseinstellungen nicht, was im hektischen Produktionsalltag zu Fehlbelichtungen führen kann. Hier muss DJI dringend mit einem Firmware-Update nachbessern, um den Pro-Anspruch der Kamera auch softwareseitig zu untermauern.
Hervorragend gelöst ist hingegen die Audio-Sektion. Die Möglichkeit, bis zu zwei DJI-Transmitter direkt und ohne zusätzlichen Empfänger drahtlos mit der Kamera zu koppeln, macht das System zur ultimativen All-in-One-Lösung für Interviews und Vlogs. Die internen Mikrofone schlagen sich wacker, sind jedoch konstruktionsbedingt anfällig für Windgeräusche. Die 3-Achsen-Stabilisierung arbeitet gewohnt präzise und gleicht Schwenks sowie Erschütterungen hervorragend aus. Wie bei allen ultrakompakten Gimbals bleibt jedoch die vertikale Achse die Schwachstelle: Wer beim Gehen keinen weichen Ninja-Walk vollführt, muss mit einem leichten, rhythmischen Auf- und Ab-Wippen im Bild leben.
Mit einem Einführungspreis, der sich im gehobenen Segment für Kompaktkameras bewegt, richtet sich die DJI Osmo Pocket 4P an ambitionierte Kreative, die keine Kompromisse bei der Bildqualität der Hauptkamera eingehen wollen. Für den schnellen Social-Media-Content im Automatikmodus ist die Kamera fast zu schade – hier tut es auch die Standard-Pocket 4. Wer jedoch den Aufwand nicht scheut, sich mit den Eigenheiten des Log-Workflows auseinanderzusetzen und die Kamera gezielt als extrem mobile B-Cam einsetzt, erhält ein Werkzeug mit einer Bilddynamik, die in dieser Größenklasse ihresgleichen sucht.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Herausragender Dynamikumfang der Hauptkamera dank innovativer LOFIC-Technologie – ideal für kontrastreiche Lichtsituationen.
- ✓Erstklassiges Tracking und präziser Autofokus, der Motive selbst bei schnellen Bewegungen zuverlässig im Fokus behält.
- ✓Enorm detailreiche 4K-Zeitlupenaufnahmen mit bis zu 240 Bildern pro Sekunde für dramatische Slow-Motion-Effekte.
- ✓Direkte Kopplung von zwei DJI-Funkmikrofonen ohne separaten Empfänger vereinfacht das Audio-Setup im mobilen Einsatz erheblich.
- ✓Zwei unterschiedliche Brennweiten (20mm und 60mm Äquivalent) bieten völlig neue kreative Gestaltungsmöglichkeiten im kompakten Format.
- ✓Sehr gute Stabilisierung der drei Achsen, die typische Erschütterungen beim Gehen und Schwenken effektiv ausgleicht.
- ✓Großzügiger interner Speicher von 103 GB sorgt für zusätzliche Ausfallsicherheit im professionellen Produktionsalltag.
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Äußerst umständliche Bedienung bei manueller Belichtung über den winzigen 2-Zoll-Touchscreen.
- ✗Fehlende On-Board-Belichtungshilfen wie Histogramm oder Waveform direkt auf dem Kameradisplay schränken die professionelle Nutzung ein.
- ✗Keine Log-Aufzeichnung im dedizierten Zeitlupenmodus möglich, was das Color Grading in der Postproduktion erschwert.
- ✗Frustrierender Wechsel zwischen den Kameras im Log-Modus, da die Hauptkamera D-Log 2 nutzt, das Teleobjektiv jedoch nur D-Log unterstützt.
- ✗Abweichende Basis-ISOs (ISO 100 bei D-Log 2 vs. ISO 400 bei D-Log) erfordern beim Kamerawechsel eine zeitaufwendige Neubelichtung.
- ✗Die Telekamera fällt qualitativ im Vergleich zur LOFIC-Hauptkamera deutlich ab und neigt in kontrastreichen Szenen zu Detailverlusten.
- ✗Typische Schwäche kompakter Gimbals: Vertikale Auf- und Abbewegungen beim normalen Gehen werden konstruktionsbedingt nicht vollständig ausgeglichen.
Titelbild: Foto von Ahmed AlQahtani auf Unsplash

