Der Paukenschlag im Mittelformat: Die Fakten
Es ist eine Nachricht, auf die High-End-Fotografen weltweit seit fast zwei Jahrzehnten gewartet haben: Hasselblad und Capture One arbeiten offiziell zusammen. Am 2. Juli wurde verkündet, dass die proprietären .3FR-Raw-Dateien von Hasselblad ab sofort nativ in Capture One geöffnet und verarbeitet werden können. Das Update bringt dedizierte Farbprofile für die Flaggschiff-Modelle X2D 100C, die neue X2D II 100C sowie das Digitalback CFV 100C mit sich. Zudem werden maßgeschneiderte Objektivprofile für insgesamt 19 XCD-Objektive implementiert. Ein Wermutstropfen bleibt für Studio-Enthusiasten allerdings bestehen: Das für professionelle Workflows essenzielle Tethered Shooting (Kamerasteuerung via Kabel) ist erst für einen späteren Zeitpunkt im Jahr 2026 angekündigt. Dennoch markiert dieses Software-Update das Ende einer schier endlosen Debatte in Online-Foren und beendet eine historische Blockadehaltung in der Fotografie-Industrie.
Historischer Kontext: Das Ende eines kalten Krieges
Um die Tragweite dieser Ankündigung zu verstehen, muss man einen Blick in die Vergangenheit der digitalen Fotografie werfen. Capture One wurde ursprünglich als hauseigene Software für die Digitalbacks von Phase One entwickelt – dem direkten und erbittertsten Konkurrenten von Hasselblad im High-End-Mittelformatsegment. Über Jahre hinweg führte diese Rivalität zu einer strikten Protektionismus-Politik. Phase One weigerte sich konsequent, Hasselblad-Dateien nativ in Capture One zu unterstützen, um die eigene Hardware zu schützen. Hasselblad-Nutzer waren gezwungen, die hauseigene Software ‘Phocus’ zu nutzen. Phocus bietet zwar eine hervorragende Farbwiedergabe dank der Hasselblad Natural Colour Solution (HNCS), gilt jedoch in Sachen Benutzeroberfläche, Performance und Tethering-Stabilität seit Jahren als veraltet und träge. Zwar gab es Workarounds über den Export als DNG-Dateien, doch dabei gingen oft wertvolle Metadaten und die spezifischen Farbinformationen verloren. Nach der Abspaltung von Capture One als eigenständiges Software-Unternehmen außerhalb des Phase-One-Konzerns war der Weg für diese Kooperation endlich frei. Es ist ein historischer Schritt, der zeigt, dass Software-Silos im modernen Markt nicht mehr haltbar sind.
Praktische Anwendung: Wer profitiert am meisten?
Die Integration hat tiefgreifende Auswirkungen auf verschiedene fotografische Disziplinen. Besonders Studio- und Modefotografen dürften aufatmen. In professionellen Mietstudios von Berlin bis Wien ist Capture One der absolute Industriestandard für das sogenannte ‘Digi-Double’ – das sofortige Betrachten der Bilder durch Kunden und Art Directors auf großen Bildschirmen. Dass diese Workflows bald ohne den Umweg über Drittanbieter-Software auch mit einer Hasselblad X2D möglich sein werden, erhöht die Attraktivität des schwedischen Kamerasystems im kommerziellen Bereich dramatisch. Aber auch Landschafts- und Architekturfotografen profitieren massiv. Die feinen Tonwertabstufungen und die enorme Dynamik des 100-Megapixel-Sensors von Hasselblad lassen sich nun direkt mit den mächtigen Werkzeugen von Capture One – wie dem hochentwickelten HDR-Tool, den präzisen Farbebenen und der selektiven Rauschunterdrückung – kombinieren, ohne dass ein Qualitätsverlust durch Dateikonvertierungen befürchtet werden muss.
Marktanalyse für Deutschland und Österreich
Für den Fotomarkt in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz) ist diese Nachricht ein echter Game-Changer. Der Markt für Mittelformatkameras ist hierzulande zwar eine Nische, aber eine extrem kaufkräftige und prestige-trächtige. High-End-Händler wie Calumet Photographic in Hamburg, München und Düsseldorf oder United Camera in Wien verzeichnen seit der Einführung der X2D-Plattform ein stetig wachsendes Interesse an Hasselblad. Bisher war die Software-Hürde jedoch für viele Fotografen, die fest in ihren Capture-One-Workflows verankert sind, ein klares K.O.-Kriterium gegen den Kauf einer Hasselblad. Mit der nativen Integration fällt diese Barriere weg. Es ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach der X2D 100C und den XCD-Objektiven im DACH-Raum spürbar anziehen wird. Gleichzeitig setzt dieser Schritt den Mitbewerber Fujifilm unter Druck, dessen GFX-System zwar ebenfalls in Capture One unterstützt wird, nun aber das Monopol auf den perfekten Mittelformat-Workflow in dieser Software verliert. Für professionelle Anwender in Deutschland und Österreich bedeutet dies vor allem eines: Mehr Wahlfreiheit bei der Hardware, ohne Kompromisse bei der Software eingehen zu mußen.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von fstoppers.com.
Titelbild: Foto von Annie Spratt auf Unsplash

