In den letzten Jahren hat sich in der Welt der Vollformat-Fotografie ein bemerkenswerter Wandel vollzogen. Während lange Zeit das klassische 24-70mm-Zoom als das unangefochtene Standardwerkzeug für Reportagen, Hochzeiten und Reisen galt, verschieben sich die Prioritäten moderner Fotografen zunehmend in Richtung Flexibilität im Weitwinkelbereich und maximale Gewichtsersparnis. Wer heute in den österreichischen Alpen wandert oder eine Reportage in den engen Gassen von Wien oder Berlin fotografiert, möchte ungern mehrere schwere Optiken mitschleppen. Genau in diese Kerbe schlägt das neue Sigma 20-60mm f/2.8-4 DG Contemporary. Es verspricht den perfekten Spagat: Einen extrem weiten Einstieg bei 20mm, eine hohe Lichtstärke von f/2.8 im Weitwinkel und ein Gehäuse, das so kompakt und leicht ist, dass es auf jeder Tour im Rucksack bleiben kann.
Der Markt für Objektive, die bei 20mm beginnen, wächst rasant. Sony hat mit dem FE 20-70mm f/4 G vorgelegt, und Panasonic bietet L-Mount-Nutzern seit längerem das sehr günstige, aber lichtschwache Lumix 20-60mm f/3.5-5.6 an. Sigma positioniert sich mit dem 20-60mm f/2.8-4 geschickt dazwischen. Für einen Preis von rund 850 Euro im deutschsprachigen Fachhandel bietet es eine spannende Alternative, die vor allem durch die hohe Lichtstärke am kurzen Ende glänzt. Doch wie schlägt sich dieser optische Kompromiss in der harten Praxis der professionellen Fotografie?
Beim ersten Auspacken fällt sofort das extrem geringe Gewicht auf. Mit gerade einmal 375 Gramm ist das Sigma ein echtes Leichtgewicht und sogar noch etwas leichter als das ohnehin schon kompakte Sony-Pendant. Der Filterdurchmesser von 67 mm ist ein Segen für Landschaftsfotografen, da gängige Filtersysteme ohne klobige Adapterringe genutzt werden können. Trotz der Zugehörigkeit zur 'Contemporary'-Linie, die im Hause Sigma für ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bei kompakter Bauweise steht, muss man auf einen grundlegenden Staub- und Spritzwasserschutz am Bajonett nicht verzichten. Die Haptik ist solide, wenngleich das Gehäuse primär aus hochwertigem Kunststoff gefertigt ist.
Allerdings fordert die ultrakompakte Bauweise an anderer Stelle ihren Tribut: Die Ausstattung am Objektivtubus ist extrem spartanisch. Es gibt weder einen AF/MF-Schalter noch eine frei belegbare Funktionstaste. Wer den Fokusmodus wechseln möchte, muss den Umweg über das Kameramenü gehen – ein Umstand, der im schnellen Reportagealltag durchaus stören kann. Auch der manuelle Fokusring fühlt sich im Praxistest etwas schwammig und unpräzise an. Dafür entschädigt der Autofokus auf ganzer Linie: Der verbaute lineare Autofokusmotor arbeitet extrem schnell, präzise und nahezu lautlos. Egal ob an einer Sony Alpha oder einer Panasonic Lumix S – die Scharfstellung erfolgt ohne Verzögerung.
In der optischen Praxis zeigt das Sigma 20-60mm ein sehr vielseitiges Gesicht. Bei der Einstiegsbrennweite von 20mm liefert das Objektiv bereits bei Offenblende von f/2.8 im Bildzentrum eine hervorragende Schärfe und einen knackigen Kontrast. Das prädestiniert die Linse für die Available-Light-Fotografie, Innenarchitektur oder auch erste Versuche in der Astrofotografie. Zu den Rändern hin lässt die Schärfe bei 20mm und f/2.8 zwar etwas nach, fängt sich aber bereits durch leichtes Abblenden auf f/4 oder f/5.6 spürbar ab. Am langen Ende bei 60mm sinkt die Lichtstärke zwar auf f/4, dafür überzeugt die Abbildungsleistung hier mit einer sehr konsistenten Schärfe über das gesamte Bildfeld.
Besonders positiv hervorzuheben ist die exzellente Vergütung der Linsen. Im direkten Gegenlicht zeigt das Sigma eine hervorragende Resistenz gegen Geisterbilder und Flares. Wer gerne direkt in die Sonne fotografiert, wird die saubere Kontrastwiedergabe schätzen. Ein kleiner Wermutstropfen für Landschaftsfotografen sind die eher durchschnittlichen Sonnensterne, die auch bei stark geschlossener Blende keine klaren, definierten Strahlen ausbilden. Dafür glänzt das Zoom im Nahbereich. Bei einer Brennweite von 35mm erreicht das Objektiv einen beachtlichen Abbildungsmaßstab von 1:2.3. Damit lassen sich im Vorbeigehen wunderbare Detailaufnahmen von Blüten oder Texturen anfertigen, was den universellen Charakter dieses Objektivs nochmals unterstreicht.
Wo Licht ist, gibt es jedoch auch Schatten. Porträtfotografen, die auf ein butterweiches Bokeh hoffen, sollten ihre Erwartungen etwas zügeln. Das Bokeh des Sigma 20-60mm wirkt in unruhigen Hintergründen mitunter etwas harsch und nervös. Zudem zeigen sich in den Unschärfekreisen (Specular Highlights) sichtbare Zwiebelringe, was auf den Einsatz asphärischer Linsenelemente zurückzuführen ist. Auch ein leichtes 'Focus Breathing' – also die Veränderung des Bildausschnitts beim Fokussieren – ist wahrnehmbar. Für reine Videografen, die manuelle Fokusfahrten planen, ist das ein relevanter Faktor, wenngleich das Objektiv dank seines geringen Gewichts und des stabilen Schwerpunkts beim Zoomen hervorragend für den Einsatz auf kompakten Gimbals geeignet ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sigma hier ein hochattraktives Werkzeug für alle Fotografen geschaffen hat, die ein leichtes 'Immerdrauf'-Objektiv suchen, ohne bei der Bildqualität im Weitwinkel zu große Kompromisse einzugehen. Im Vergleich zum teureren Sony 20-70mm f/4 bietet das Sigma mehr Lichtstärke am kurzen Ende für deutlich weniger Geld. Wer bereits das Panasonic 20-60mm als Kit-Objektiv besitzt, findet im Sigma ein erstklassiges optisches Upgrade, das vor allem in der Dämmerung seine Stärken ausspielt. Für anspruchsvolle Reise-, Street- und Landschaftsfotografen im DACH-Raum ist dieses Objektiv eine klare Empfehlung.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Extrem kompakt und leicht (nur 375g) – ideal für längere Wanderungen und Reisen
- ✓Lichtstarker Weitwinkel-Einstieg mit f/2.8 bei 20mm für gute Low-Light-Performance
- ✓Hervorragende Schärfe und hoher Kontrast im Bildzentrum bereits bei Offenblende
- ✓Exzellente Flare- und Geisterbild-Resistenz dank hochwertiger Linsenvergütungen
- ✓Sehr gute Makro-Eigenschaften mit einem maximalen Abbildungsmaßstab von 1:2.3 bei 35mm
- ✓Blitzschneller, präziser und nahezu lautloser Autofokus dank modernem Linearmotor
- ✓Attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zu herstellereigenen Alternativen
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Etwas unruhiges und harsches Bokeh mit sichtbaren Zwiebelringen in den Highlights
- ✗Keinerlei physische Schalter (wie AF/MF) oder Funktionstasten am Objektivgehäuse
- ✗Manuelle Fokussierung fühlt sich haptisch etwas schwammig und unpräzise an
- ✗Sichtbarer Schärfeabfall in den extremen Bildecken bei 20mm und Offenblende
- ✗Spürbares Focus Breathing bei Videoaufnahmen schränkt den Cine-Einsatz ein
- ✗Sonnensterne wirken eher verwaschen und sind für Landschaftsaufnahmen nicht ideal
Titelbild: Foto von Luca Calderone auf Unsplash