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Rollei Retro 400S im Test: Der dramatische Schwarzweiß-Film mit Infrarot-Superkräften

Der Rollei Retro 400S ist kein gewöhnlicher ISO 400 Film: Mit extremem Kontrast, kristallklarem PET-Träger und Infrarot-Sensitivität spaltet er die Gemüter.

Rollei Retro 400S im Test Der dramatische Schwarzweiß-Film mit Infrarot-Superkräften

Die analoge Fotografie erlebt in Deutschland und Österreich seit Jahren eine beachtliche Renaissance. Abseits der etablierten Klassiker von Kodak und Ilford suchen viele Fotografen nach Emulsionen, die ihren Bildern einen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter verleihen. Genau in diese Kerbe schlägt der Rollei Retro 400S. Wer einen gutmütigen, weichen Allround-Film für harmonische Graustufen sucht, wird hier vermutlich enttäuscht werden. Der Rollei Retro 400S ist kein Leisetreter – er ist ein Werkzeug für laute, kontrastreiche und dramatische Bildaussagen. Mit seinen tiefen, fast schon 'knusprigen' Schatten und den strahlenden Lichtern zieht er die Aufmerksamkeit des Betrachters sofort auf sich.

Die Herkunft dieses Films ist in der analogen Community seit jeher ein Thema für leidenschaftliche Diskussionen in Foren. Vertrieben wird der Film primär von Maco Direct aus Deutschland, die sich die Markenrechte für den Namen Rollei gesichert haben. Hergestellt wird das Material jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Agfa-Gevaert in Belgien. Es basiert auf dem Luftbild-Überwachungsfilm 'Aviphot 400S'. Diese militärische und kartografische Genetik erklärt auch die besonderen Eigenschaften des Films: Er musste aus großer Höhe Details durch Dunst hindurch messerscharf aufzeichnen. Ob der Rollei Retro 400S nun exakt identisch mit dem Aviphot 400S, dem JCH Street Pan oder dem Rollei Infrared ist, bleibt ein gut gehütetes Branchengeheimnis. In der Praxis verhalten sich diese Emulsionen jedoch extrem ähnlich und teilen sich dieselbe charakteristische DNA.

Was diesen Film in der täglichen Praxis so besonders macht, ist seine Einstufung als 'superpanchromatisch'. Im Gegensatz zu herkömmlichen panchromatischen Schwarzweiß-Filmen weist der Retro 400S eine erweiterte Empfindlichkeit im roten und nahinfraroten Spektrum auf (bis etwa 750 bis 820 Nanometer). Ohne Filter verhält er sich wie ein extrem scharfer, kontrastreicher ISO 400 Film. Er zeichnet sich durch ein überraschend feines Korn und eine hervorragende Detailauflösung aus. Sobald man jedoch einen Rotfilter oder gar einen echten Infrarotfilter (wie den R72) vorschaltet, verwandelt sich der Retro 400S in ein kreatives Spezialwerkzeug. Laub und Wiesen erstrahlen im surrealen, schneeweißen 'Wood-Effekt', während der blaue Himmel tiefschwarz abgebildet wird. Diese Vielseitigkeit sucht man bei Standardfilmen vergeblich.

Ein oft unterschätzter Vorteil des Rollei Retro 400S liegt in seinem Trägermaterial. Der Film ist auf einer hochtransparenten PET-Polyesterbasis vergossen. Im Gegensatz zu klassischen Triacetat-Trägern trocknet dieser Polyesterträger extrem flach und neigt kaum zum lästigen Einrollen (Curling). Für Fotografen, die ihre Negative selbst digitalisieren, ist das ein unschätzbarer Segen. Die Planlage im Filmhalter des Scanners ist perfekt, was zu einer durchgehenden Schärfe bis in die Bildecken führt. Zudem eignet sich der glasklare Träger hervorragend für die Schwarzweiß-Dia-Umkehrentwicklung (Reversal Processing). Wer schon einmal ein echtes Schwarzweiß-Dia auf dem Leuchttisch bewundert hat, weiß, wie faszinierend diese Ästhetik sein kann.

Natürlich fordert diese Spezialcharakteristik auch Kompromisse. Der Belichtungsspielraum des Rollei Retro 400S ist vergleichsweise gering. Während ein Kodak Tri-X oder Ilford HP5 Belichtungsfehler von zwei Blendenstufen mühelos wegsteckt, verzeiht der Retro 400S Unterbelichtungen kaum. Die Schatten neigen extrem schnell dazu, komplett zuzulaufen und jegliche Zeichnung zu verlieren. Eine präzise Belichtungsmessung – am besten auf die Schatten – ist daher dringend ratsam. Auch bei Langzeitbelichtungen zeigt der Film ein ausgeprägtes Verhalten bezüglich des Schwarzschild-Effekts (Reciprocity Failure). Bereits ab einer Belichtungszeit von etwa 10 Sekunden muss die Belichtungszeit signifikant verlängert werden. Dennoch sind bei korrekter Berechnung selbst extrem lange Belichtungszeiten von über einer Stunde erfolgreich realisierbar.

Für wen ist dieser Film also gedacht? Street-Fotografen, die den harten Kontrast im Stil von Daido Moriyama schätzen, werden den Retro 400S lieben. Auch Landschaftsfotografen, die das Spiel mit Filtern und surrealen Infrarot-Looks ausreizen wollen, finden hier eine der preiswertesten und zuverlässigsten Optionen am Markt. Im DACH-Raum ist der Film dank des Vertriebs durch Maco Direct hervorragend verfügbar und im Vergleich zu den drastisch gestiegenen Preisen der amerikanischen Konkurrenz preislich äußerst attraktiv positioniert. Wer die Herausforderung annimmt und sich auf die steile Gradationskurve einlässt, wird mit Bildern belohnt, die sich wohltuend vom analogen Einheitsbrei abheben.

📷 Zubehör

📋 Technische Spezifikationen

📸 Hauptkamera
Nicht zutreffend (Analogfilm)
🎥 Video
Nicht zutreffend
⚙️ Weitere Details
Filmtyp: Superpanchromatischer Schwarzweiß-Negativfilm; Nennempfindlichkeit: ISO 400/27°; Trägermaterial: Kristallklarer PET-Polyesterträger (0,10 mm); Spektrale Empfindlichkeit: Bis ca. 750-820 nm (Erweiterter Rot- und Nahinfrarotbereich); Archivierbarkeit: Bis zu 500 Jahre (unter optimalen Bedingungen); Konfektionierung: 35mm (Kleinbild) und 120 (Rollfilm)

✅ Vorteile (Pros)

  • Herausragender, dramatischer Kontrast mit tiefen Schatten und strahlenden Lichtern für ausdrucksstarke Street- und Architekturfotografie.
  • Echte Infrarot-Fähigkeit bei Verwendung eines R72-Filters, die den surrealen 'Wood-Effekt' (weiße Vegetation, schwarzer Himmel) ermöglicht.
  • Der kristallklare PET-Polyesterträger sorgt für eine perfekte Planlage nach dem Trocknen und verhindert das Einrollen des Films.
  • Exzellente Scaneigenschaften, da der Träger keine störende Eigenfärbung aufweist und flach im Scanner liegt.
  • Hervorragend geeignet für die anspruchsvolle Schwarzweiß-Dia-Umkehrentwicklung dank der transparenten Basis.
  • Sehr hohe Detailauflösung und feines Korn für einen Film mit einer Nennempfindlichkeit von ISO 400.
  • Nachgewiesene, extrem hohe Archivbeständigkeit von bis zu 500 Jahren unter optimalen Lagerbedingungen.
  • Attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis im deutschsprachigen Raum im Vergleich zu Mitbewerbern von Kodak oder Fujifilm.

❌ Nachteile (Cons)

  • Sehr geringer Belichtungsspielraum – unterbelichtete Schatten verlieren sofort jegliche Zeichnung und 'saufen ab'.
  • Starker Schwarzschild-Effekt (Reziprozitätsfehler) erfordert bereits ab 10 Sekunden Belichtungszeit deutliche Korrekturen.
  • Für klassische Porträtfotografie oft zu unbarmherzig und hart, da Hautunreinheiten und Falten stark betont werden.
  • Der glasklare Träger neigt zum 'Light Piping' – der Film sollte unbedingt im Schatten in die Kamera eingelegt werden, um Lichteinfall zu vermeiden.
  • Die steile Gradationskurve erfordert eine sehr präzise Entwicklung; Standard-Entwicklungszeiten führen oft zu extrem steilen Kontrasten.
  • Die tatsächliche Empfindlichkeit liegt in vielen Entwicklern eher bei ISO 200 bis 250, wenn man Zeichnung in den Schatten behalten möchte.
  • Intransparente Informationslage bezüglich der exakten Rezeptur und Herkunft erschwert die Suche nach optimalen Entwicklungszeiten im Netz.
  • Bei bewölktem, kontrastarmem Licht wirkt der Film ohne Filterung manchmal etwas flach und grau, wenn er nicht speziell entwickelt wird.

Titelbild: Foto von T auf Unsplash

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