Die Renaissance der kompakten Reisekamera: OM System PEN mischt die Karten neu
Die Nachricht schlug in der weltweiten Fotografie-Community hohe Wellen: Mit der Vorstellung der neuen OM System PEN kehrt eine der traditionsreichsten Kameraserien der Micro-Four-Thirds-Geschichte (MFT) zurück auf die Bühne. Für anspruchsvolle Fotografen, die auf Reisen weder auf exzellente Bildqualität noch auf ein leichtes Gepäck verzichten wollen, bricht damit eine neue Ära an. Während die Fotoindustrie in den letzten Jahren fast obsessiv dem Vollformat-Trend hinterherjagte und dabei oft die physikalischen Grenzen kompakter Objektivkonstruktionen ignorierte, besinnt sich OM System nun auf die Kernwerte des MFT-Systems. Die neue PEN positioniert sich in einer hochkarätigen Riege kompakter Reisebegleiter neben der extrem gefragten Fujifilm X100 VI und innovativen Angeboten von Panasonic und Ricoh.
Historischer Kontext: Das MFT-Versprechen und die Sensor-Physik
Um die Bedeutung dieser Veröffentlichung zu verstehen, muss man ins Jahr 2008 zurückblicken. Auf der damaligen Photokina in Köln erregte der erste Prototyp der digitalen Olympus PEN weltweite Aufmerksamkeit. Das Versprechen war revolutionär: Die Bildqualität einer DSLR in einem Gehäuse, das fast in die Jackentasche passte. In den Folgejahren näherten sich Kameras wie die Panasonic GF1 oder die legendäre Olympus PEN-F diesem Ideal an. Doch dann drängten spiegellose Vollformatkameras auf den Markt. Viele Hersteller versuchten, diese Systeme durch geschrumpfte Gehäuse wie die Sony a7C oder die Panasonic Lumix S9 als reisetauglich zu vermarkten.
Die Praxis zeigte jedoch schnell die Grenzen dieses Ansatzes. Während die Kamerabodies schrumpften, blieben die physikalisch notwendigen Objektive für den großen 35mm-Sensor groß und schwer. Ein lichtstarkes 24-70mm F2.8 für Vollformat wiegt selten unter 800 Gramm. Die neue OM System PEN bricht mit diesem Kompromiss. Durch den MFT-Sensor mit seinem zweifachen Crop-Faktor können die Objektive extrem kompakt gebaut werden, ohne dass bei der optischen Leistung gespart werden muss. Zudem ermöglicht der kleinere Sensor eine hocheffiziente Gehäusestabilisierung (IBIS), die in dieser Größenklasse ihresgleichen sucht und selbst bei extrem langen Belichtungszeiten aus der Hand gestochen scharfe Bilder liefert.
Vergleich der Premium-Kompakten: Wer bietet was?
Fotografen, die heute nach einer leichten, aber leistungsstarken Kamera suchen, stehen vor einer interessanten Auswahl. Jedes System verfolgt eine eigene Philosophie:
- OM System PEN: Maximale Flexibilität durch ein riesiges Ökosystem an Wechselobjektiven (MFT-Standard), hervorragender Bildstabilisator, sehr kompakter Formfaktor.
- Fujifilm X100 VI: Fest verbaute 23mm-Linse (35mm KB-Äquivalent), großer APS-C-Sensor, analoges Bedienkonzept, jedoch extrem schwer lieferbar.
- Ricoh GR III/IV: Die ultimative Westentaschenkamera mit APS-C-Sensor und Festbrennweite, jedoch ohne Sucher und mit eingeschränkter Akkulaufzeit.
- Panasonic Lumix Kompakte: Gute Allrounder mit Zoomobjektiven, die jedoch oft Kompromisse bei der Lichtstärke im Telebereich eingehen müssen.
Praktische Anwendung: Maximale Flexibilität im alpinen Raum und urbanen Dschungel
Für welche Fotografen ist die neue PEN die ideale Wahl? Im Gegensatz zu Studio- oder reinen Landschaftsfotografen, die mit Stativ und Mittelformat im Isental oder in Namibia arbeiten, richtet sich die PEN an den dokumentarischen Chronisten des Alltags. In den engen Gassen von Wien, Salzburg oder Berlin ermöglicht die unauffällige Kamera ein extrem diskretes Arbeiten. Das klassische Messsucher-Design wirkt auf Passanten harmlos und weckt im Gegensatz zu klobigen Profi-DSLRs keine Abwehrreflexe.
Auch für Bergsteiger und Weitwanderer in den österreichischen und bayerischen Alpen ist jedes Gramm im Rucksack entscheidend. Hier glänzt das MFT-System auf ganzer Linie: Ein Setup bestehend aus dem ultrakompakten 12mm F2.0 (entspricht 24mm im Kleinbildformat für weite Landschaften und Bergpanoramen), dem klassischen Street-Objektiv 17mm F1.8 (35mm Äquivalent) und dem Porträt-Spezialisten 45mm F1.8 (90mm Äquivalent) passt mühelos in eine winzige Gürteltasche. Versuchen Sie das einmal mit einem Vollformatsystem – das Ergebnis wäre eine schwere Schultertasche und schmerzende Nackenmuskeln nach einer mehrstündigen Wanderung auf den Großglockner.
Zudem profitiert die PEN von modernen rechnergestützten Fotografie-Features (Computational Photography), die OM System von seinen Profimodellen übernommen hat. Funktionen wie Live ND (ein digitaler Graufilter für weiche Wasserfälle) oder der High-Res-Shot, der durch Sensor-Shift extrem detailreiche Landschaftsaufnahmen ermöglicht, gleichen die physikalischen Nachteile des kleineren Sensors in vielen Situationen elegant aus.
Marktanalyse: Der DACH-Markt im Premium-Segment
Der Fotomarkt in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH) zeichnet sich durch ein hohes Qualitätsbewusstsein und eine starke Kaufkraft im Premium-Segment aus. Aktuell leidet der Markt unter einer extremen Verknappung der Fujifilm X100 VI, was zu absurden Wartezeiten und überhöhten Preisen auf dem Gebrauchtmarkt führt. Hier bietet die OM System PEN eine hochattraktive und vor allem flexiblere Alternative. Während die Fujifilm-Kamera den Fotografen fest an eine einzige Brennweite bindet, bietet die PEN durch das riesige MFT-Objektivportfolio unendliche gestalterische Freiheit.
Natürlich ist auch die PEN nicht perfekt: Der Autofokus gilt in ersten Praxisberichten als etwas eigenwillig im Vergleich zu den hochentwickelten Phasen-AF-Systemen moderner Sportkameras, und das verschachtelte Menüdesign erfordert eine gewisse Einarbeitungszeit. Dennoch ist das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zur Konkurrenz hervorragend. Erhältlich ist die Kamera im gut sortierten DACH-Fachhandel wie bei Calumet Photographic, Foto Erhardt oder Foto Koch in Deutschland sowie bei United Camera und Foto Kücher in Österreich. Für Fachhändler bietet die neue PEN eine hervorragende Chance, das Segment der kompakten Systemkameras wieder als Lifestyle- und Premium-Reisewerkzeug zu etablieren und Kunden anzusprechen, die sich vom Smartphone-Einerlei abheben wollen.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von www.dpreview.com.
Titelbild: Foto von Fauzan Saari auf Unsplash