Die analoge Fotografie erlebt in Deutschland und Österreich seit Jahren eine bemerkenswerte Renaissance. Junge Kreative und erfahrene Enthusiasten suchen gleichermaßen nach Kameras, die ein entschleunigtes, rein mechanisches Erlebnis bieten, das sich deutlich vom sterilen digitalen Alltag abhebt. Abseits der allgegenwärtigen Leica-Modelle gibt es im historischen Segment verborgene Schätze, die mechanische Perfektion und optische Höchstleistung zu einem Bruchteil des Preises vereinen. Eine solche Rarität ist die Konica IIA aus dem Jahr 1956. Diese edle Messsucherkamera aus dem Hause Konishiroku (dem späteren Konica) gilt unter Kennern als einer der absoluten Höhepunkte der japanischen Kamerabaukunst der Nachkriegszeit.
Um die Faszination der Konica IIA zu verstehen, hilft ein Blick auf die Geschichte. Die Wurzeln des Herstellers reichen bis in ein kleines Tokioter Apothekenviertel des späten 19. Jahrhunderts zurück, wo Sugiura Rokusaburo begann, Fotomaterialien zu verkaufen. Nach dem Erfolg der ersten in Japan massenproduzierten Kamera, der „Cherry“, entwickelte sich das Unternehmen rasch zu einem Pionier der optischen Industrie. Im Jahr 1947 revolutionierte die Konica I den Markt für 135er Kleinbildfilme. Mit der Konica II im Jahr 1951 wanderte der Auslöser auf die Gehäuseoberseite und ein Zubehörschuh wurde integriert – für damalige Verhältnisse ein enormer ergonomischer Fortschritt. 1956 gipfelte diese Evolution schließlich in der Premium-Variante Konica IIA.
In der Hand fühlt sich die Konica IIA sofort wie ein hochpräzises Werkzeug an. Mit einem stattlichen Gewicht von 750 Gramm ist sie kein Leichtgewicht, liegt aber dank der geschwungenen, maschinell präzise gefrästen Frontplatten extrem stabil und ausbalanciert in der Hand. Das Gehäuse vermittelt eine Wertigkeit, die man bei modernen Kameras oft vermisst. Für die Street-Photography in Städten wie Wien, München oder Berlin ist sie ein unaufdringlicher, aber treuer Begleiter, der durch seinen extrem leisen Zentralverschluss glänzt.
Das absolute Prachtstück dieser Kamera ist das fest verbaute Hexanon 48mm f/2 Objektiv. Während der Vorgänger noch mit einer f/2.8 Lichtstärke auskommen musste, liefert diese Neuentwicklung eine hervorragende Lichtstärke für Available-Light-Situationen. In der Praxis zeigt sich, dass dieses Objektiv selbst bei Offenblende eine bemerkenswerte Schärfe und einen fantastischen Kontrast liefert. Die Farbwiedergabe auf modernen Farbnegativfilmen wie dem Kodak Portra oder Fuji Superior ist lebendig und harmonisch, während Schwarz-Weiß-Emulsionen wie der Ilford HP5 einen knackigen, klassischen Look mit feinsten Graustufenabstufungen erhalten. Ein kleiner Wermutstropfen für Fotografen im DACH-Raum ist das seltene Filtergewinde von 35,5 mm. Passende Filter oder Gegenlichtblenden sind im lokalen Fotohandel kaum noch zu finden und müssen meist mühsam über spezialisierte Online-Plattformen oder Vintage-Märkte bezogen werden.
Die Bedienung der Konica IIA erfordert eine gewisse Einarbeitung und Konzentration, belohnt dafür aber mit einem unverfälschten mechanischen Feedback. Der verbaute Konirapid MFX Zentralverschluss bietet Zeiten von 1 Sekunde bis zu einer 1/500 Sekunde. Ein wichtiges Detail im praktischen Betrieb: Der Verschluss muss manuell über einen kleinen Hebel direkt am Objektiv gespannt werden, bevor ausgelöst werden kann. Wer die extrem schnelle 1/500 Sekunde nutzen möchte, muss bedenken, dass hierfür eine zusätzliche mechanische Federstufe im Verschluss gespannt wird. Dies bedeutet, dass die Verschlusszeit gewählt werden muss, *bevor* der Verschluss gespannt wird – nachträgliches Ändern auf die 1/500 Sekunde blockiert den Mechanismus und erfordert das Auslösen des aktuellen Bildes.
Ein weiteres ergonomisches Manko zeigt sich bei der Blendenverstellung. Der Blendenring ist mit sehr scharfkantigen, kleinen Zähnen versehen und der Hebel ist winzig geraten. Das Verstellen der Blende erfordert daher spürbaren Kraftaufwand und kann an kalten Tagen im Winter durchaus unangenehm für die Fingerkuppen sein. Im Gegensatz dazu ist der Messsucher ein absoluter Traum. Selbst nach fast sieben Jahrzehnten präsentieren sich die Suchergläser meist erstaunlich klar. Der Messsucherfleck in der Mitte ist hell, kontrastreich und erlaubt eine extrem präzise Fokussierung, selbst bei Offenblende f/2 im Nahbereich. Zwar fehlen moderne Leuchtrahmen zur Parallaxenkompensation, doch die äußere Begrenzung des Suchers deckt das tatsächliche Bildfeld im Alltag sehr zuverlässig ab.
Da die Konica IIA über keinerlei integrierten Belichtungsmesser verfügt, stehen Fotografen vor der Wahl: Entweder wird nach der klassischen „Sunny 16“-Regel geschätzt, oder man greift zu einem externen Hilfsmittel. Im Praxistest hat sich die Kombination mit einem kompakten Aufsteck-Belichtungsmesser (wie dem TTArtisan oder Hedeco Lime) im kalten Zubehörschuh hervorragend bewährt. Damit bleibt das Setup kompakt und die Belichtungsmessung gelingt präzise und schnell. Für den Einstieg empfehlen sich klassische ISO 100 oder ISO 200 Filme, um bei hellem Sonnenschein im optimalen Blendenbereich von f/8 oder f/11 arbeiten zu können.
Auf dem heutigen Gebrauchtmarkt in Deutschland und Österreich ist die Konica IIA ein echter Geheimtipp. Während gut erhaltene Messsucherkameras anderer namhafter Hersteller oft im vierstelligen Euro-Bereich gehandelt werden, ist diese Konica mit etwas Glück in hervorragendem Zustand für einen mittleren zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Betrag zu finden. Käufer sollten jedoch unbedingt auf die Gängigkeit des Verschlusses bei langen Zeiten (1s bis 1/15s) achten, da das Fett im Hemmwerk über die Jahrzehnte oft verharzt ist. Wer ein funktionierendes Exemplar ergattert, erhält eine Kamera, die nicht nur ein Stück Fotogeschichte repräsentiert, sondern auch heute noch als vollwertiges, kreatives Werkzeug begeistert.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Herausragende optische Leistung des Hexanon 48mm f/2 mit exzellenter Schärfe und hohem Kontrast bereits ab Offenblende.
- ✓Wunderschöne, klassische Farbwiedergabe bei Farbfilmen und extrem plastische Kontraste bei Schwarz-Weiß-Emulsionen.
- ✓Hervorragende mechanische Verarbeitungsqualität aus massivem Metall, die für die Ewigkeit gebaut zu sein scheint.
- ✓Sehr heller und kontrastreicher Messsucher, der das Fokussieren selbst bei schwierigen Lichtverhältnissen erleichtert.
- ✓Extrem leiser Konirapid MFX Zentralverschluss – ideal für unaufdringliche Street-Photography.
- ✓Integrierter mechanischer Doppelbelichtungsschutz verhindert effektiv versehentliche Mehrfachbelichtungen.
- ✓Sehr stabiles und sicheres Handling durch das angenehm hohe Eigengewicht von 750 Gramm.
- ✓Cleveres Sichtfenster im Sucher, das anzeigt, ob der Verschluss bereits gespannt ist.
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Unergonomischer und schwergängiger Blendenring mit scharfkantiger Riffelung, die die Bedienung unkomfortabel macht.
- ✗Komplizierte Handhabung der 1/500s Verschlusszeit, da diese zwingend vor dem Spannen des Verschlusses gewählt werden muss.
- ✗Kein integrierter Belichtungsmesser vorhanden – erfordert die Nutzung externer Geräte oder Apps.
- ✗Sehr seltenes und im DACH-Raum schwer erhältliches Filtergewinde-Maß von 35,5 mm.
- ✗Keine Parallaxen-Rahmenlinien im Sucher, was bei extremen Nahaufnahmen zu leichten Bildausschnitts-Abweichungen führen kann.
- ✗Mit 750 Gramm für eine kompakte Messsucherkamera vergleichsweise schwer bei längeren Fototouren.