In der Welt der professionellen RAW-Entwicklung stehen Fotografen in Deutschland, Österreich und der Schweiz zunehmend vor einer Grundsatzentscheidung: Mietmodell oder Einmalkauf? Während Branchenriese Adobe mit seinem Creative-Cloud-Abo viele Nutzer an monatliche Zahlungen bindet, bleibt DxO mit PhotoLab 10 einem klassischen Vertriebsweg treu. Man zahlt einmal und besitzt die Software dauerhaft. Upgrades auf neue Hauptversionen sind optional und schlagen meist mit der Hälfte des Neupreises zu Buche. Doch rechtfertigt die neue Version 10 den Umstieg, oder handelt es sich eher um ein Detail-Update? Im harten Praxiseinsatz zeigt sich, dass DxO an den richtigen Stellschrauben gedreht hat, um den Workflow spürbar zu beschleunigen, auch wenn nicht jede Neuerung auf Anhieb perfekt funktioniert.
Der Fokus der Entwickler lag bei dieser Version ganz klar auf der Optimierung von Maskierungswerkzeugen. Wer komplexe Bildkompositionen oder Landschaftsaufnahmen bearbeitet, weiß, wie zeitraubend das präzise Freistellen von Bildelementen sein kann. Hier setzt die neue Tiefenmaske (Depth Mask) an. In der Praxis erweist sich dieses Werkzeug als erstaunlich flexibel: Durch einfaches Platzieren eines Symbols im Bild lässt sich die Maske auf eine bestimmte Tiefenebene anwenden. Das funktioniert hervorragend, um beispielsweise den Himmel oder ein markantes Gebäude im Hintergrund vom Rest des Motivs zu isolieren. Der eigentliche Fortschritt im Vergleich zu PhotoLab 9 liegt jedoch in der fließenden Anpassung. Über feinfühlige Schieberegler lässt sich die Maske in der Tiefe erweitern oder einschränken. Bei einer Testaufnahme des Vittorio-Emanuele-II-Denkmals in Rom zeigte sich das enorme Potenzial: Der Zaun und die Basis des Monuments ließen sich präzise maskieren, ohne dass die davorstehende Menschenmenge miterfasst wurde. Der zeitintensive Schritt, die Personen manuell mit dem Pinsel abzuziehen, entfällt komplett.
Für eine präzise Kontrolle lässt sich der Maskierungsmodus in eine Schwarz-Weiß-Ansicht umschalten. Wie bei einer klassischen Ebenenmaske in Photoshop zeigt Weiß die ausgewählten Bereiche und Schwarz die maskierten Zonen. Dies erleichtert die Kantenkontrolle ungemein. Allerdings ist das Werkzeug nicht fehlerfrei. Bei komplexen Motiven mit unregelmäßigen Tiefenstrukturen stößt die KI an ihre Grenzen. Möchte man beispielsweise nur eine einzelne Statue mitsamt Sockel isolieren, erfordert dies ein langwieriges Zusammenspiel der Regler. Da die Maske auf der physikalischen Distanz zwischen Linse und Objekt basiert und nicht auf einer semantischen Objekterkennung, kann es bei runden Formen mit variierender Tiefe zu unschönen Ausreißern kommen. Hier müssen Fotografen nach wie vor manuell mit dem Pinsel korrigieren.
Ein weiteres Highlight ist die KI-gestützte Maskierung für Personen. PhotoLab 10 erkennt menschliche Gesichter und Körperteile mit beeindruckender Präzision. Augen (inklusive Iris und Pupille), Zähne, Barthaare, Gesichtshaut und Lippen lassen sich mit wenigen Klicks separat anwählen und optimieren. Porträtfotografen werden diese Zeitersparnis bei der Beauty-Retusche schnell zu schätzen wissen. Enttäuschend ist dagegen die Umsetzung bei Tierporträts. Zwar erkennt die Software Tiere als Ganzes, eine detaillierte Aufteilung in Augen oder Schnauze fehlt jedoch. Wer beispielsweise die Augen eines Affen betonen möchte, muss mühsam zwei separate Masken anlegen und diese über Untermasken verknüpfen. Dennoch glänzt die KI bei der Erkennung von feinsten Strukturen wie Fell und Haaren. Abstehende Härchen werden sauber erfasst, was besonders Wildlife-Fotografen begeistern dürfte.
Im Bereich der Farbbearbeitung bündelt DxO das Color Grading nun in einem einzigen, konsolidierten Farbrad. Im Vergleich zu Lightroom oder Capture One, die oft getrennte Räder für Tiefen, Mitteltöne und Lichter bieten, ist dieser Ansatz gewöhnungsbedürftig. Zwar lässt sich über farbige Punkte direkt auf dem Rad schnell zwischen den Bereichen wechseln, im hektischen Studioalltag führt dies jedoch anfangs häufig zu Fehlbedienungen. Wer sich jedoch einmal an das System gewöhnt hat und Presets für wiederkehrende Looks abspeichert, profitiert von einem sehr aufgeräumten Interface.
Ein wichtiger Aspekt für Anwender im DACH-Raum ist die Systemkompatibilität. DxO PhotoLab 10 setzt zwingend macOS Sequoia oder neuer voraus. Nutzer älterer Mac-Systeme müssen also vorab ihr Betriebssystem aktualisieren, was bei älteren Arbeitsrechnern zu Problemen führen kann. Unter Windows bleibt Version 11 der Standard. Zudem fehlt weiterhin eine mobile App für das iPad – in Zeiten von mobilen Workflows auf Reisen ein spürbarer Nachteil.
Zusammenfassend ist DxO PhotoLab 10 kein revolutionärer Meilenstein, sondern eher ein solides Produktpflege-Update. Für Fotografen, die eine leistungsstarke RAW-Engine ohne Cloud-Zwang und monatliche Gebühren suchen, bleibt DxO jedoch eine der besten Optionen auf dem Markt. Die überragende Rauschminderung gepaart mit den neuen Tiefenmasken rechtfertigt die Investition von rund 229 Euro für die Vollversion allemal, insbesondere wenn man den Fokus auf anspruchsvolle Landschafts-, Architektur- oder Porträtfotografie legt.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Abo-freies Lizenzmodell spart langfristig Kosten im Vergleich zu Adobe Creative Cloud
- ✓Innovative Tiefenmaske (Depth Mask) trennt Vorder- und Hintergrund extrem zeitsparend
- ✓Herausragende Detailerkennung bei Haaren und Fell im Maskierungsmodus für Wildlife-Fotografen
- ✓Vollständige Offline-Verarbeitung aller KI-gestützten Funktionen schützt die Privatsphäre und funktioniert auf Reisen ohne Internet
- ✓Präzise Gesichtserkennung isoliert Augen, Haut und Lippen bei Porträts im Handumdrehen
- ✓Nahtlose Integration von Affinity Photo erweitert die Retusche-Möglichkeiten erheblich
- ✓Hervorragende Unterstützung von Apple ProRAW- und HEIC-Formaten
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Keine Unterstützung für Android-DNG-Dateien schränkt Smartphone-Fotografen stark ein
- ✗Sehr hohe Systemanforderungen auf dem Mac (erfordert zwingend macOS Sequoia oder neuer)
- ✗Keine mobile App für iPad oder iOS/Android zur mobilen Bildbearbeitung unterwegs verfügbar
- ✗Tiefenmaskierung stößt bei runden Motiven mit fließenden Tiefenübergängen an ihre Grenzen
- ✗Keine direkte Kompatibilität von Presets mit Adobe Lightroom erschwert hybride Workflows
- ✗Tier-Maskierung im Vergleich zu Menschen stark vereinfacht und ohne Detail-Auswahl
- ✗Konsolidiertes Farbrad erfordert im Vergleich zu klassischen Drei-Wege-Reglern viel Umgewöhnung
Titelbild: Foto von J Scott Rakozy auf Unsplash