Die Welt der spiegellosen Systemkameras hat sich in den letzten Jahren stark in Richtung Vollformat und High-End-Video entwickelt. Doch abseits der schweren Profi-Ausrüstung existiert eine treue Fangemeinde, die sich nach Kompaktheit, Stil und intuitivem Fotografieren sehnt. Genau hier setzt die neue OM System PEN an. Sie versucht, das Erbe der legendären Olympus PEN-F aus dem Jahr 2016 mit der Leichtigkeit und dem günstigeren Preisgefüge der E-P7 zu verschmelzen. Das Ergebnis ist eine Micro-Four-Thirds-Kamera (MFT), die sich optisch im eleganten Messsucher-Stil präsentiert und vor allem Reise- und Street-Fotografen in Deutschland und Österreich ansprechen soll.
Beim ersten Auspacken fällt sofort das klassische Design ins Auge. OM System hat sich sichtlich Mühe gegeben, den Retro-Charme der analogen Ära wiederzubeleben. Allerdings zeigt sich beim genaueren Hinsehen ein entscheidender Unterschied zu den früheren Premium-Modellen: Das Gehäuse besteht primär aus hochwertigem technischen Kunststoff statt aus einer Magnesiumlegierung. Das mindert zwar das Gewicht auf extrem rucksackfreundliche 393 Gramm, nimmt der Kamera im direkten Vergleich zur alten PEN-F aber auch etwas von dieser kühlen, metallischen Wertigkeit. Dennoch fühlt sich die Konstruktion robust und verwindungssteif an. Für den spontanen Einsatz bei unbeständigem Wetter im Alpenraum oder an der stürmischen Nordseeküste ist die PEN sogar mit einem IPX1-Spritzwasserschutz zertifiziert – in dieser Preisklasse ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.
Ein echtes Highlight für alle Sucher-Liebhaber ist die Rückkehr des integrierten elektronischen Suchers (EVF). Dieser sitzt wie bei einer Messsucherkamera in der linken oberen Ecke und bietet eine Auflösung von 2,36 Millionen Bildpunkten. Zwar ist die Vergrößerung von 0,62x im Vergleich zu großen Vollformat-Suchern recht moderat, in der Praxis ermöglicht er jedoch ein absolut präzises Arbeiten bei grellem Sonnenlicht, wo Displays oft an ihre Grenzen stoßen. Apropos Display: OM System verbaut einen voll beweglichen 3,0-Zoll-Touchscreen. Diese Entscheidung wird die Gemüter spalten. Während Street-Fotografen oft ein unauffälliges Klappdisplay bevorzugen, um unbemerkt aus der Hüfte zu fotografieren, werden Reise-Blogger und Vlogger die Flexibilität des Schwenk- und Drehmechanismus schätzen, da sich der Bildschirm komplett nach vorne klappen lässt.
Unter der Haube arbeitet der bewährte Live-MOS-Sensor mit 20,4 Megapixeln, gepaart mit dem TruePic-Prozessor der neunten Generation. Diese Kombination sorgt für eine spürbare Leistungssteigerung beim Autofokus. Im Gegensatz zu älteren PEN-Modellen kommt hier ein On-Sensor-Phasen-Autofokus zum Einsatz, der nicht nur Gesichter und Augen von Menschen zuverlässig erkennt, sondern auch einen speziellen Tracking-Modus für Hunde und Katzen bietet. Bei der Tierfotografie im Alltag zeigt sich das System erstaunlich treffsicher. Auch die Serienbildgeschwindigkeit kann sich sehen lassen: Bis zu 30 Bilder pro Sekunde sind mit elektronischem Verschluss möglich, wenngleich der Autofokus dabei auf dem ersten Bild gesperrt bleibt. Wer kontinuierliche Schärfenachführung benötigt, greift auf den mechanischen Verschluss mit soliden 8 Bildern pro Sekunde zurück.
Ein wesentlicher Trumpf des MFT-Systems bleibt die hervorragende sensorbasierte Bildstabilisierung (IBIS). In der PEN kompensiert das System bis zu 5,5 Blendenstufen. Bei Abendspaziergängen durch Wien oder Hamburg lassen sich so problemlos Belichtungszeiten von einer halben Sekunde oder mehr aus der Hand halten, ohne dass die Aufnahmen verwackeln. Das gleicht den physikalischen Nachteil des kleineren Sensors bei schlechtem Licht zu einem großen Teil aus. Zudem ermöglicht der schnelle Prozessor eine Reihe von computergestützten Aufnahmemodi, die man sonst nur von den teureren OM-Modellen kennt. Dazu gehören der High-Res-Shot für extrem detailreiche Landschaftsaufnahmen vom Stativ, die Live-ND-Funktion zur Simulation von Graufiltern und Live Composite für beeindruckende Startrails oder Light-Painting-Experimente.
Auf der kreativen Seite sticht der mechanische Zwei-Wege-Schalter an der Vorderseite hervor. Er erlaubt den sofortigen Zugriff auf hochentwickelte Farb- und Monochrom-Profile. Fotografen können Farbsättigungen einzelner Töne direkt in der Kamera feinjustieren und so einen ganz eigenen, analogen Bildlook kreieren, ohne den Umweg über die RAW-Konvertierung am PC gehen zu müssen. Dies lädt zum Experimentieren ein und liefert hervorragende JPEGs direkt aus der Kamera.
Allerdings gibt es auch Schattenseiten. Um den attraktiven Einführungspreis von rund 1.000 Euro im DACH-Raum zu realisieren, mussten an einigen Stellen Kompromisse eingegangen werden. So verfügt die Kamera zwar über einen modernen USB-C-Anschluss, dieser arbeitet intern jedoch nur mit dem veralteten USB-2.0-Protokoll. Wer große Datenmengen übertragen möchte, sollte die Speicherkarte entnehmen. Unverständlich ist auch, warum der einzige SD-Kartenslot nur den langsameren UHS-I-Standard unterstützt. Bei schnellen Serienbildern oder der Verarbeitung von High-Res-Aufnahmen führt dies unweigerlich zu spürbaren Gedenksekunden, in denen die Kamera blockiert ist. Auch im Videobereich zeigt sich die PEN konservativ: 4K-Aufnahmen sind nur mit maximal 30 Bildern pro Sekunde in 8-Bit möglich, und auf einen Kopfhöreranschluss zur Tonkontrolle wurde komplett verzichtet.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die OM System PEN keine Allround-Maschine für Action oder professionelle Videoproduktionen ist. Sie ist vielmehr eine Liebeserklärung an das bewusste, entschleunigte Fotografieren im Alltag. Wer eine extrem kompakte, stilvolle Kamera sucht, die dank des riesigen MFT-Objektivportfolios von Olympus, Panasonic und Sigma flexibel erweitert werden kann, findet hier ein hervorragendes Werkzeug. Sie bringt den Spaß am Fotografieren zurück und passt mit einer kleinen Festbrennweite wie dem 17mm f/1.8 in fast jede Jackentasche.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Integrierter elektronischer Sucher (EVF) im kompakten Rangefinder-Design erleichtert das Fotografieren bei hellem Sonnenlicht enorm
- ✓Hervorragende Gehäusestabilisierung (IBIS) mit bis zu 5,5 EV Kompensation ermöglicht scharfe Freihandaufnahmen bei Dämmerung
- ✓Phasen-Autofokus mit zuverlässiger Gesichts-, Augen- und Tiererkennung (Hunde/Katzen), ideal für spontane Schnappschüsse
- ✓Kreativer Farb- und Monochrom-Wahlschalter direkt an der Frontseite erlaubt schnelle, individuelle Bildstile direkt aus der Kamera
- ✓Fortschrittliche computergestützte Fotofunktionen wie Live ND, Live Composite und High-Res-Shot bieten kreativen Spielraum ohne Stativ
- ✓Sehr kompakte und leichte Bauweise (nur 393g), die perfekt mit den winzigen MFT-Festbrennweiten für die Street-Fotografie harmoniert
- ✓Offizieller IPX1-Spritzwasserschutz bietet ein beruhigendes Maß an Sicherheit bei leichtem Nieselregen im Outdoor-Einsatz
- ✓Gute Akkulaufzeit mit dem neuen BLS-7 Akku (ca. 410 Aufnahmen nach CIPA), was für einen ausgiebigen Fototag in der Stadt meist ausreicht
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Gehäuse besteht überwiegend aus Kunststoff statt hochwertigem Magnesium, was im Vergleich zur alten PEN-F an Premium-Haptik einbüßt
- ✗Veralteter USB-2.0-Standard über den USB-C-Anschluss führt zu extrem langsamen Datenübertragungen beim Auslesen per Kabel
- ✗Nur ein einziger SD-Kartenslot, der zudem nur den langsameren UHS-I-Standard unterstützt, was bei schnellen Serienbildern zu Wartezeiten führt
- ✗Eingeschränkte Videofunktionen mit maximal 4K/30p in 8-Bit ohne flache Profile (wie OM-Log) – für anspruchsvolle Videografen ungeeignet
- ✗Tastenlayout auf der Rückseite wirkt sehr gedrängt und überladen, was die Bedienung mit Handschuhen im Winter erschwert
- ✗Kein Kopfhöreranschluss zur Audiokontrolle vorhanden, was den Einsatz als ernsthafte Vlogging-Kamera trotz Schwenkdisplay einschränkt
- ✗Kein AF-Joystick zur schnellen Auswahl des Fokuspunkts; man muss auf das Steuerkreuz oder den Touchscreen ausweichen
- ✗Menüstruktur ist extrem verschachtelt und bietet eine fast schon einschüchternde Fülle an Anpassungsoptionen für Einsteiger
Titelbild: Foto von Maksim Tarasov auf Unsplash