Die Suche nach dem perfekten Ultraweitwinkel-Zoomobjektiv gleicht oft der Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau. Fotografen verlangen extreme Bildwinkel, eine hohe und durchgehende Lichtstärke, exzellente Schärfe bis in die äußersten Bildecken und das Ganze bitte verpackt in einem kompakten, leichten und wetterfesten Gehäuse, das das Budget nicht sprengt. Mit dem neuen 12-20mm f2.8 (Modell A084) schickt Tamron nun einen hochinteressanten Kandidaten ins Rennen, der genau diese anspruchsvolle Nische bedienen möchte. Konzipiert für spiegellose Vollformatkameras von Sony (E-Mount) und Nikon (Z-Mount), schließt dieses Objektiv eine wichtige Lücke im Portfolio des drittherstellers. Bisher war das Tamron 16-30mm f2.8 G2 das weiteste Zoomobjektiv im Sortiment. Die Erweiterung auf echte 12mm am kurzen Ende eröffnet völlig neue kreative Spielräume, insbesondere in der Landschafts-, Architektur- und Astrofotografie.
In der Praxis zeigt sich schnell, dass Tamron bei diesem Premium-Objektiv nicht gekleckert hat. Mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 1.799 Euro für die Nikon-Z-Variante und 1.699 Euro für die Sony-E-Version (jeweils inklusive Mehrwertsteuer in Deutschland und Österreich) ist das Objektiv zwar kein Schnäppchen, positioniert sich aber preislich äußerst attraktiv gegenüber den hauseigenen Alternativen der Kamerahersteller. Zum Vergleich: Das Sony FE 12-24mm f2.8 GM schlägt mit fast 2.800 Euro zu Buche, während das hervorragende Nikon Z 14-24mm f2.8 S bei rund 1.850 Euro liegt, jedoch am kurzen Ende 'nur' 14mm bietet. Für anspruchsvolle Fotografen im DACH-Raum stellt sich daher die berechtigte Frage, ob der Griff zum Tamron-Zoom die smartere Investition ist, zumal Händler wie Calumet oder Foto Leutner in Wien das Objektiv bereits fest im Sortiment führen.
Was beim ersten Auspacken sofort auffällt, ist das vergleichsweise geringe Gewicht von nur 582 Gramm (in der Nikon-Z-Ausführung). Im Rucksack macht sich dieser Gewichtsvorteil auf langen Bergtouren in den österreichischen Alpen oder bei ausgedehnten Städtetrips sofort bemerkbar. Trotz des leichten Gehäuses fühlt sich das Objektiv robust und absolut professionell an. Ein umfassender Wetterschutz mit zahlreichen Dichtungen schützt das Innenleben vor Staub und Feuchtigkeit – ein essenzielles Feature für Naturfotografen, die auch bei widrigem Wetter an der Küste oder im Hochgebirge arbeiten. Zudem erleichtert eine Fluor-Vergütung auf der stark gewölbten Frontlinse das Reinigen von Wassertropfen und Fingerabdrücken.
Ein echtes Highlight des Tamron 12-20mm f2.8 ist die schiere Flut an physischen Bedienelementen am Tubus. Tamron hat hier alles verbaut, was das Herz begehrt: Neben einem separaten, angenehm gedämpften Fokusring gibt es einen konfigurierbaren Blenden- bzw. Kontrollring, der sich wahlweise mit oder ohne Klick-Rastungen bedienen lässt. Hinzu kommen ein AF/MF-Schalter, ein Custom-Switch mit drei Positionen, ein MF-Lock-Schalter zur Vermeidung von versehentlichem Verstellen des Fokus und sogar ein physischer Zoom-Lock-Schalter. Letzterer lässt sich sowohl in der 12mm- als auch in der 20mm-Position arretieren und durch einfaches Drehen des Zoomrings blitzschnell wieder lösen. Einzigartig ist zudem die Möglichkeit, das Objektiv über einen spritzwassergeschützten USB-C-Anschluss direkt mit einem Computer oder Smartphone zu verbinden. Über die hauseigene Software 'Tamron Lens Utility' (TLU) lassen sich zahlreiche Tastenfunktionen individuell programmieren und Firmware-Updates ohne Kamerabody einspielen.
In Sachen Abbildungsleistung wurde das Objektiv an einer Nikon Z8 auf Herz und Nieren geprüft – unter anderem unter Ausnutzung der Pixel-Shift-Technologie, die hochauflösende 180-Megapixel-Dateien liefert. Hier zeigt das Tamron ein zweigeteiltes Gesicht. Bei mittleren und weiten Distanzen liefert das Objektiv bei 12mm eine beeindruckende Schärfe über das gesamte Vollformat-Bildfeld. Details in weit entfernten Bergketten oder filigranen Fassadenstrukturen werden knackig scharf wiedergegeben. Auch Koma, chromatische Aberrationen und die Anfälligkeit für Geisterbilder bei Gegenlicht sind hervorragend auskorrigiert, was Astrofotografen bei der Aufnahme des Sternenhimmels sehr entgegenkommen dürfte. Im extremen Nahbereich und bei Offenblende f2.8 fällt die Bildschärfe außerhalb des APS-C-Bildkreises bei 12mm jedoch spürbar ab. Wer also hochauflösende Nahaufnahmen plant, muss das Objektiv deutlich abblenden, um auch an den Bildrändern eine knackige Schärfe zu erzielen. Am langen Ende bei 20mm verhält es sich umgekehrt: Hier ist die Leistung im Nahbereich sehr gut, lässt aber bei weit entfernten Motiven zu den Rändern hin etwas nach.
Ein konstruktionsbedingter Wermutstropfen, den das Tamron mit fast allen extremen Ultraweitwinkeln teilt, ist die stark gewölbte Frontlinse. Ein klassisches Filtergewinde sucht man vergebens. Wer Polfilter oder Grauverlaufsfilter nutzen möchte, ist auf sperrige und teure 150mm-Steckfiltersysteme von Drittanbietern angewiesen. Immerhin hat Tamron einen rückseitigen Filterhalter integriert, in den sich passgenau zugeschnittene Gelatinefilter (beispielsweise für ND-Effekte) einschieben lassen. Dies ist ein brauchbarer Kompromiss, schränkt die intuitive Nutzung von Filtern in der Landschaftsfotografie jedoch etwas ein.
Der Autofokus, angetrieben von Tamrons linearem VXD-Sprachspulenmotor, arbeitet im Alltag extrem leise und rasant schnell. Er harmoniert perfekt mit den modernen Motiverkennungs- und Augen-AF-Systemen von Sony und Nikon. Allerdings zeigte sich im intensiven Testzeitraum eine kleine Schwachstelle: Bei etwa 10 % der Aufnahmen kam es zu leichten Fehlfokussierungen (Outliers), bei denen der Fokus minimal hinter oder vor dem Motiv lag. Für statische Motive wie Landschaften ist dies dank Fokus-Peaking und Sucherlupe kein Problem, bei schnellen Reportagen oder Hochzeiten sollte man die Schärfe zur Sicherheit jedoch doppelt kontrollieren.
Zusammenfassend ist das Tamron 12-20mm f2.8 ein faszinierendes Stück Technik. Es bietet einen extremen Weitwinkel, der sich deutlich von den üblichen 14mm-Objektiven abhebt, gepaart mit einer fantastischen Ausstattung und einem hervorragenden Handling. Trotz kleinerer optischer Kompromisse an den Bildrändern im extremen Nahbereich und des etwas eingeschränkten Zoomfaktors von 1,7x bietet es ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis für alle Fotografen in Deutschland und Österreich, die ein lichtstarkes, mobiles und professionelles Ultraweitwinkel suchen.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Extremer Weitwinkel von 12mm bei durchgehender Lichtstärke von f/2.8 – ideal für weite Landschaften, Astrofotografie und enge Innenräume.
- ✓Hervorragende Schärfe im Bildzentrum über den gesamten Brennweitenbereich, besonders bei mittleren und großen Distanzen.
- ✓Hervorragende Kontrolle von Koma, Farbfehlern (loCA) und Geisterbildern bei Gegenlicht.
- ✓Umfassende physische Bedienelemente inklusive de-klickbarem Blendenring, Custom-Switches und zwei Focus-Set-Tasten.
- ✓Zukunftssicher und hochgradig anpassbar dank integriertem USB-C-Anschluss und Kompatibilität mit der Tamron Lens Utility Software.
- ✓Kompaktes und vergleichsweise leichtes Gehäuse (unter 600g) trotz aufwendiger optischer Konstruktion.
- ✓Zuverlässiger Wetterschutz mit Dichtungen am Bajonett und Tubus sowie schmutzabweisender Fluor-Beschichtung auf der Frontlinse.
- ✓Praktischer rückseitiger Filterhalter für Gelatine-ND-Filter als integrierte Lösung.
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Kein Front-Filtergewinde vorhanden – erfordert teure, unhandliche Spezial-Filterhalter für Pol- und Verlaufsfilter.
- ✗Sichtbarer Schärfeabfall an den extremen Bildrändern bei 12mm im Nahbereich und Offenblende.
- ✗Leicht nachlassende Randschärfe am langen Ende (20mm) bei Fokussierung auf unendlich.
- ✗Gelegentliche Autofokus-Ausreißer (ca. 10 % Fehlfokus-Rate im Praxistest) erfordern erhöhte Aufmerksamkeit.
- ✗Mit einem 1,7-fachen Zoomfaktor recht eingeschränkter Brennweitenbereich – der Sprung von 20mm auf die klassischen 24mm fehlt im Alltag oft.
- ✗Nikon-Z-Version ist mit 1.799 EUR UVP im Vergleich zur Sony-E-Version um 100 EUR teurer.
- ✗Keine optische Bildstabilisierung im Objektiv integriert (vollständig auf den IBIS der Kamera angewiesen).