Rainer Lüdecke
Die Langzeitbelichtung ist für mich deshalb nicht nur eine technische Methode, sondern ein Mittel, um den Verlauf der Zeit sichtbar zu machen.
Vielen Dank! Ich habe mich über diese Auszeichnung sehr gefreut. Der zweite Platz bedeutet mir besonders viel, da meine Serie „Pfahlwerk“ genau die Art von Fotografie verkörpert, die mir am Herzen liegt: reduziert, ruhig und zeitlos. Dass die Jury diese Bildsprache wahrgenommen und gewürdigt hat, ist für mich eine besondere Anerkennung meiner Arbeit – und zugleich eine große Motivation, meinen eigenen Weg konsequent weiterzugehen.
Bei der Komposition war es mir wichtig, die verbundenen Pfähle als festen visuellen Anker wirken zu lassen. Das Boot bildet dazu ein bewusst zurückhaltendes Gegengewicht. Durch seine weiche, sich immer weiter in der Bewegungsunschärfe verlierenden Erscheinung wirkt es leicht und vergänglich, scheint sich geradezu aufzulösen. Negativraum ist für mich kein leerer Bereich, sondern ein wesentlicher Teil des Bildes. Er schafft Ruhe und gibt dem Motiv zugleich einen Rahmen. Die hellen Grautöne lassen Himmel und Wasser zu einer grenzenlosen Weite verschmelzen. Dadurch verlieren Ort und Zeit an Bedeutung, und übrig bleiben Struktur, Balance und Stille.
Technisch arbeite ich mit einem stabilen Stativ und starken Graufiltern, um Belichtungszeiten von mehreren Minuten zu ermöglichen. Während dieser langen Belichtung verschwinden die Bewegungen auf dem Wasser, Wellen werden geglättet und vorbeiziehende Wolken lösen sich in weichen Flächen auf. Die statischen Pfähle bleiben dagegen klar und präsent. Gerade dieser Gegensatz erzeugt für mich das Gefühl von Zeit und Vergänglichkeit: Die Umgebung scheint sich aufzulösen, während die vom Wasser und Wetter gezeichneten Pfähle wie stille Zeugen zurückbleiben. Wenn sich ein Boot während der Aufnahme leicht bewegt, verliert auch dieses seine feste Form und wirkt beinahe wie eine Erinnerung oder eine flüchtige Erscheinung. Die Langzeitbelichtung ist für mich deshalb nicht nur eine technische Methode, sondern ein Mittel, um den Verlauf der Zeit sichtbar zu machen.
Für mich selbst hat der Aufnahmeprozess etwas Meditatives, sowohl die reine Belichtung als auch die Art, wie ich mich dem Motiv nähere. Ich möchte dem Betrachter jedoch keine festgelegte Geschichte vorgeben. Mich berühren Motive, die etwas Verlorenes oder Einsames ausstrahlen, an denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Und wenn ein Betrachter vor einem meiner Bilder langsamer wird, die Stille wahrnimmt und vielleicht eine ganz persönliche Verbindung dazu findet, dann hat das Bild für mich sein Ziel erreicht.
Diese Anerkennung bestärkt mich darin, meiner eigenen Bildsprache zu vertrauen und sie konsequent weiterzuentwickeln. Minimalistische Fotografie bedeutet für mich eine bewusste Konzentration auf das Wesentliche. Je weniger Elemente ein Bild enthält, desto wichtiger werden ihre Anordnung, ihre Beziehung zueinander und die Atmosphäre, die zwischen ihnen entsteht. Der zweite Platz zeigt mir, dass diese leise und reduzierte Form der Fotografie auch andere Menschen erreicht. Das ist für mich sehr wertvoll, da meine Arbeiten nicht auf einen schnellen Effekt ausgerichtet sind, sondern Zeit und Aufmerksamkeit brauchen. Die Auszeichnung motiviert mich, meine Auseinandersetzung mit Stille, Raum und Vergänglichkeit zu vertiefen und weiterhin nach Motiven zu suchen, in denen sich mit wenigen Formen viel ausdrücken lässt.
Fotografie bedeutet für mich, langsamer und aufmerksamer zu sehen. Oft sind es unscheinbare Motive, an denen viele Menschen vorbeigehen, die mich besonders interessieren. Durch die Reduktion versuche ich, ihre stille Schönheit sichtbar zu machen und Bilder zu schaffen, die Raum für eigene Gedanken lassen. Auch künftig werde ich mich mit minimalistischen Themen beschäftigen – hauptsächlich in Schwarz-Weiß, aber auch in zurückhaltender Farbe, wenn es dem Motiv dient. Ich danke der Jury der Minimalist Photography Awards für diese besondere Anerkennung und Blendo für die Möglichkeit, meine Gedanken und meine Arbeit vorstellen zu dürfen. Mein Dank gilt ebenso allen Leserinnen und Lesern, die sich die Zeit nehmen, meine Bilder in Ruhe zu betrachten.




