Es ist eine gefühlte Ewigkeit her, seit Sony die Premium-Bridge-Klasse mit einem neuen Modell bedacht hat. Ganze neun Jahre mussten vergehen, bis nach der RX10 IV im Jahr 2017 endlich die Sony RX10 V das Licht der Welt erblickt. In einer Zeit, in der Smartphones den Markt für Kompaktkameras nahezu komplett verschlungen haben und spiegellose Systemkameras die unangefochtenen Herrscher im Profisegment sind, stellt sich die berechtigte Frage: Hat eine Bridgekamera mit einem 1-Zoll-Sensor im Jahr 2026 überhaupt noch eine Daseinsberechtigung? Wer schon einmal auf einer Safari in Kenia war, bei einem Fußballspiel am Spielfeldrand stand oder einfach nur unbeschwert Landschaften fotografieren wollte, kennt das Dilemma: Die Schlepperei von schweren Teleobjektiven und der ständige, staubanfällige Objektivwechsel können die Freude am Fotografieren massiv einschränken. Genau hier setzt die Sony RX10 V an und verspricht, die eierlegende Wollmilchsau für anspruchsvolle Foto- und Videografen zu sein.
Was beim ersten Auspacken sofort auffällt, ist die radikale Neuausrichtung des Gehäusedesigns. Sony verabschiedet sich vom klassischen Bridge-Look der Vorgänger und verpasst der RX10 V das moderne, kantige Gehäuse der Alpha-7-Systemkameras. Für Fotografen, die bereits im Sony-E-Mount-System zu Hause sind, fühlt sich der Umstieg sofort vertraut an. Der Griff ist angenehm tief und bietet selbst großen Händen hervorragenden Halt. Die Haptik ist absolut professionell, wozu auch die umfassende Abdichtung gegen Staub und Feuchtigkeit beiträgt. Ein Wermutstropfen für Puristen dürfte jedoch der Wegfall des oberen LCD-Statusbildschirms sein, der dem neuen Alpha-Layout weichen musste. Stattdessen gibt es nun ein zweites, frei belegbares Daumenrad und einen praktischen Fokus-Joystick auf der Rückseite, der die Navigation durch die Menüs und das Verschieben des Fokusfelds im Vergleich zum Vorgänger dramatisch beschleunigt.
Das Herzstück der Kamera bleibt das optische Meisterwerk von Zeiss: Das Vario-Sonnar T* mit einer KB-äquivalenten Brennweite von 24 bis 600 mm und einer variablen Lichtstärke von f/2.4 bis f/4.0. Obwohl die optische Rechnung bereits aus der RX10 III von 2016 stammt, liefert dieses Objektiv auch heute noch eine beeindruckende Abbildungsleistung ab. Der Brennweitenbereich ist schlichtweg atemberaubend. Bei 24 mm lassen sich weite Landschaften oder Architekturmotive einfangen, während ein kurzer Dreh am Zoomhebel ausreicht, um bei 600 mm scheue Wildtiere oder Sportler formatfüllend abzulichten. Um diese enorme Brennweite im Vollformat abzudecken, müsste man eine Ausrüstung im Wert von mehreren tausend Euro und mit einem Gewicht von weit über fünf Kilogramm mit sich herumtragen. Die RX10 V wiegt fahrbereit gerade einmal knapp 1,1 Kilogramm.
Ein gigantischer Sprung nach vorn ist beim Autofokus zu verzeichnen. Sony hat der RX10 V das hochentwickelte KI-gestützte Autofokussystem spendiert, das man aus den aktuellen Alpha-Modellen wie der A6700 oder A7 IV kennt. Die Echtzeit-Motiverkennung arbeitet im Praxistest phänomenal: Sie erkennt nicht nur Menschen und deren Augen blitzschnell, sondern bleibt auch an Vögeln im Flug, rennenden Hunden oder vorbeirasenden Rennwagen wie angeklebt haften. In Kombination mit einer Serienbildgeschwindigkeit von bis zu 30 Bildern pro Sekunde wird die Ausschussquote bei Action-Aufnahmen auf ein absolutes Minimum reduziert. Hier zeigt sich der Vorteil des gestapelten (Stacked) 1-Zoll-Sensors, der Daten extrem schnell auslesen kann und somit auch Rolling-Shutter-Effekte effektiv minimiert.
Auch im Bereich Video hat sich einiges getan. Die RX10 V zeichnet nun 4K-Videos mit bis zu 120 Bildern pro Sekunde in 10-Bit auf. Das ist ein Segen für Naturfilmer, die spektakuläre Bewegungsabläufe in hochauflösender Zeitlupe festhalten möchten. Zudem sorgt die Implementierung des modernen NP-FZ100 Akkus für eine um etwa 50 Prozent gesteigerte Laufzeit, sodass man bei einem intensiven Drehtag deutlich seltener den Akku wechseln muss. Geladen wird zeitgemäß über einen schnellen USB-C-Anschluss, der auch direktes Live-Streaming in 4K ermöglicht.
Die Investition von rund 2.400 Euro auf dem deutschen und österreichischen Markt will dennoch gut überlegt sein. In dieser Preisklasse konkurriert die RX10 V direkt mit hervorragenden spiegellosen Systemkameras. Für das gleiche Geld bekommt man beispielsweise eine Sony A6700 mit einem universellen Reisezoom wie dem Sigma 18-300mm. Damit erhält man zwar einen größeren APS-C-Sensor mit besserem Rauschverhalten bei schlechtem Licht, muss aber beim maximalen Tele-Bereich (umgerechnet 450 mm statt 600 mm), der Sucherauflösung und der Lichtstärke am langen Ende deutliche Kompromisse eingehen. Wer das absolute Maximum an optischer Flexibilität in einem einzigen, wetterfesten Gehäuse sucht und keine Lust auf das Schleppen schwerer Objektive hat, für den führt auch 2026 kein Weg an der Sony RX10 V vorbei. Sie ist das ultimative Werkzeug für anspruchsvolle Reise- und Wildlife-Fotografen im DACH-Raum.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Enormer Brennweitenbereich von 24-600mm (KB-Äquivalent) deckt fast jedes denkbare Szenario ab
- ✓Herausragender KI-Autofokus mit extrem präziser Motiv- und Augenerkennung für Menschen, Tiere und Fahrzeuge
- ✓Exzellenter, hochauflösender OLED-Sucher mit 3,69 Millionen Bildpunkten und angenehmer 0,78-facher Vergrößerung
- ✓Professionelle Videofunktionen inklusive 4K bei 120fps in 10-Bit für kinoreife Zeitlupen
- ✓Hervorragende Ergonomie durch das neue Alpha-Gehäusedesign inklusive praktischem Fokus-Joystick
- ✓Deutlich verbesserte Akkulaufzeit dank des größeren NP-FZ100 Akkus
- ✓Robuster Staub- und Spritzwasserschutz prädestiniert die Kamera für harte Outdoor-Einsätze
- ✓Schnelle Serienbildrate von bis zu 30 Bildern pro Sekunde mit minimalem Rolling-Shutter-Effekt dank Stacked-Sensor
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Sehr hoher Einführungspreis von ca. 2.400 Euro macht sie zu einer Premium-Investition
- ✗Der 1-Zoll-Sensor stößt bei schlechten Lichtverhältnissen im Vergleich zu APS-C oder Vollformat schneller an seine Grenzen
- ✗Kein vollständig schwenkbares Display (nur neigbar), was Vlogging und Selfies erschwert
- ✗Verlust des praktischen, integrierten Pop-up-Blitzes des Vorgängermodells
- ✗Kein Pre-Burst-Modus (Pre-Capture) zur Aufnahme von Momenten kurz vor dem Auslösen vorhanden
- ✗Die extremen High-Frame-Rate-Modi (HFR) bis zu 960 fps des Vorgängers wurden gestrichen
- ✗Der elektronische Motorzoom arbeitet für manche Action-Situationen etwas zu gemächlich
Titelbild: Foto von Palak Pitroda auf Unsplash