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Robert Capa oder Gerda Taro: Wer schoss ‘The Falling Soldier’?

Neue Expertenanalysen weisen das ikonischste Kriegsfoto der Geschichte Gerda Taro zu. Eine Entdeckung, die das Fundament des Fotojournalismus erschüttert.

Robert Capa oder Gerda Taro Wer schoss The Falling Soldier

Die Rekonstruktion eines Mythos: Wer drückte am Cerro Muriano wirklich ab?

Die Nachricht hat in der internationalen Forschungsgemeinschaft für Fotogeschichte wie eine Bombe eingeschlagen: Neue Analysen und Expertenstimmen legen nahe, dass nicht der legendäre Robert Capa, sondern seine kongeniale Partnerin Gerda Taro das weltberühmte Foto ‘The Falling Soldier’ (Der fallende Soldat) aufgenommen hat. Das Bild, das am 5. September 1936 während des Spanischen Bürgerkriegs entstand und den Tod des republikanischen Milizsoldaten Federico Borrell García zeigen soll, gilt als die Geburtsstunde des modernen, hautnahen Fotojournalismus. Seit Jahrzehnten wird das Werk von Kontroversen begleitet – von Vorwürfen der Inszenierung bis hin zu Zweifeln an den offiziellen Bildunterschriften. Doch diese neue Wendung verschiebt den Fokus fundamental: Weg von der Frage, ob die Szene gestellt war, hin zu der Frage, wer tatsächlich hinter der Kamera stand. Für das Fachmagazin ‘Blendo’ analysieren wir die historischen, technischen und marktpolitischen Dimensionen dieser potenziellen Sensation und beleuchten, was dies für die Fotowelt im DACH-Raum bedeutet.

Historischer Kontext: Die Erfindung des ‘Robert Capa’

Um die Tragweite dieser neuen Zuschreibung zu verstehen, muss man tief in die Pariser Bohème der 1930er Jahre eintauchen. Robert Capa war ursprünglich kein einzelner Mann, sondern ein geniales Gemeinschaftsprojekt. Die deutsche Emigrantin Gerta Pohorylle (Gerda Taro) und der ungarische Fotograf Endre Ernő Friedmann (Robert Capa) erfanden die Kunstfigur des erfolgreichen, reichen amerikanischen Fotografen ‘Robert Capa’, um ihre Arbeiten auf dem hart umkämpften französischen Zeitschriftenmarkt teurer verkaufen zu können. In der Anfangsphase des Spanischen Bürgerkriegs arbeiteten beide so eng zusammen, dass sie ihre Filme oft gemeinsam entwickelten, unter demselben Stempel vermarkteten und die Urheberschaft des Einzelnen hinter die gemeinsame politische Botschaft – den Kampf gegen den Faschismus – zurückstellten.

Ein entscheidender Unterschied zwischen den beiden lag jedoch in ihrer bevorzugten Ausrüstung. Während Friedmann (Capa) zunehmend die revolutionäre, handliche 35mm-Leica (meist eine Leica II oder III mit einem 50mm Elmar-Objektiv) nutzte, bevorzugte Taro in jener Phase eine präzise Mittelformat-Rolleiflex-Kamera, die quadratische Negative im Format 6×6 lieferte. Diese technischen Unterschiede sind heute der Schlüssel für Forensiker und Fotohistoriker. Die Leica erzwang durch ihren Messsucher eine dynamische, oft instinktive Fotografie auf Augenhöhe. Die Rolleiflex hingegen, die man vor der Brust hielt und durch einen Lichtschachtsucher von oben betrachtete, führte zu einer tieferen Perspektive und einer oft sorgfältiger durchdachten, fast grafischen Bildkomposition. Experten, die nun ‘The Falling Soldier’ neu bewerten, analysieren akribisch den Kamerawinkel, den mutmaßlichen Parallaxenfehler und die Schärfentiefe, um nachzuweisen, dass die Aufnahme aus der typischen Hüftperspektive einer Rolleiflex entstand – ein starkes Indiz für Gerda Taro.

Praktische Anwendung: Die Detektivarbeit moderner Kuratoren und Bildredakteure

Für heutige Fotojournalisten, Kuratoren und Bildforensiker im deutschsprachigen Raum ist dieser Fall ein Paradebeispiel für die Relevanz von Provenienzforschung und technischer Bildanalyse. Die Rekonstruktion von Autorenschaft in Zeiten vor digitalen Metadaten und EXIF-Dateien gleicht einer wissenschaftlichen Detektivarbeit. Als 2007 der legendäre ‘Mexikanische Koffer’ (La maleta mexicana) mit über 4.500 Negativen von Capa, Taro und David ‘Chim’ Seymour in Mexiko-Stadt auftauchte, veränderte dies die historische Forschung nachhaltig. Plötzlich konnten Forscher ganze Filmstreifen rekonstruieren, die Chronologie der Aufnahmen nachvollziehen und sehen, wer an welchem Tag an welchem Hügel stand.

Für Kuratoren in renommierten Institutionen wie dem Fotomuseum Winterthur in der Schweiz, dem WestLicht in Wien oder dem Museum für Fotografie in Berlin bedeutet diese Debatte eine ethische und praktische Herausforderung. Wenn ein Meilenstein der Fotogeschichte potenziell den Autor wechselt, müssen Ausstellungen neu konzipiert, Kataloge umgeschrieben und Wandtexte angepasst werden. Es zeigt den Fotografen von heute auch die Vergänglichkeit und zugleich die enorme Macht des physischen Negativs. Im digitalen Zeitalter, in dem Bildmanipulationen durch KI allgegenwärtig sind, lehrt uns die Kontroverse um den ‘Fallenden Soldaten’, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Quelle – dem analogen Original – das Fundament jeglicher dokumentarischen Glaubwürdigkeit bleibt.

Marktimpakt: Wertverschiebung und die späte Gerechtigkeit für Gerda Taro

Der DACH-Markt für klassische Reportagefotografie und Vintage-Prints reagiert hochsensibel auf solche Zuschreibungsfragen. Robert Capas Vintage-Prints erzielen bei Auktionen, etwa bei den renommierten WestLicht-Kamera-Auktionen in Wien oder bei Grisebach in Berlin, regelmäßig Höchstpreise. Gerda Taro, die 1937 im Alter von nur 26 Jahren bei der Schlacht von Brunete tragisch ums Leben kam, stand lange Zeit im übergroßen Schatten ihres Partners. Ihre eigenen Vintage-Prints sind auf dem Markt extrem rar gesät.

Sollte sich die Zuschreibung von ‘The Falling Soldier’ offiziell und dauerhaft zu Gunsten von Gerda Taro verschieben, hätte dies massive Auswirkungen auf den Kunstmarkt. Der monetäre und historische Wert von Taros Gesamtwerk würde sprunghaft ansteigen. Sammler und Museen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die Werke von Taro besitzen, würden eine enorme Wertsteigerung ihrer Bestände erleben. Noch wichtiger ist jedoch der kunsthistorische und gesellschaftliche Impakt: Es wäre ein später, aber triumphaler Akt der Gerechtigkeit für eine der mutigsten Pionierinnen des Fotojournalismus. Die Anerkennung ihrer Urheberschaft an diesem ikonischen Bild würde die Geschichtsschreibung der Fotografie nachhaltig verändern und zeigen, dass Frauen in der Kriegsfotografie von Anfang an an vorderster Front standen und die visuelle Sprache des Genres entscheidend geprägt haben.


Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von petapixel.com.

Titelbild: Foto von Alejandro Morelos auf Unsplash

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