Wer im Bereich der anspruchsvollen Sport- und Wildlifefotografie unterwegs ist, blickt traditionell meist auf die Vollformat-Systeme von Sony, Canon oder Nikon. Fujifilm galt in dieser Nische lange Zeit als Außenseiter, da das Autofokus-Tracking der APS-C-Kameras im direkten Vergleich oft das Nachsehen hatte. Doch während die Kamerabodies kontinuierlich verbessert werden, liefert Fujifilm im Objektivbereich seit Jahren optische Meisterwerke ab. Mit dem neuen Fujifilm XF 400mm f/4.5 R LM OIS WR schickt der japanische Hersteller nun eine hochkarätige Supertele-Festbrennweite ins Rennen, die speziell für anspruchsvolle Natur- und Sportfotografen im X-System entwickelt wurde. Es stellt sich die fundamentale Frage: Kann dieses native APS-C-Objektiv den hohen Anforderungen der Praxis gerecht werden und den Wechsel auf Vollformat überflüssig machen?
Beim ersten Auspacken fällt sofort die für ein Supertele dieser Brennweitenklasse erstaunliche Kompaktheit auf. Mit einem Gewicht von gerade einmal 1245 Gramm und einer Länge, die problemlos in einen mittelgroßen Fotorucksack passt, setzt das XF 400mm neue Maßstäbe in puncto Mobilität. Verglichen mit den schweren Vollformat-Boliden der Konkurrenz lässt sich diese Kombination stundenlang ermüdungsfrei aus der Hand nutzen. Das ist ein unschätzbarer Vorteil bei langen Wanderungen durch die Alpen im DACH-Raum oder beim stundenlangen Warten im Ansitz. Die Verarbeitung ist auf absolutem Profi-Niveau: Das Gehäuse ist vollständig gegen Staub und Spritzwasser geschützt (WR) und fühlt sich extrem robust an. Auch die Haptik des Fokusrings und des dedizierten Blendenrings lässt keine Wünsche offen. Ein besonderes Lob verdient der Stativfuß, der ab Werk mit einer Arca-Swiss-kompatiblen Schwalbenschwanzführung ausgestattet ist – ein Feature, das man sich auch von anderen Herstellern standardmäßig wünschen würde.
In der fotografischen Praxis an einer Fujifilm X-H2S zeigt das Objektiv schnell seine optischen Muskeln. Die Abbildungsleistung ist bereits bei Offenblende von f/4.5 schlichtweg atemberaubend. Details im Gefieder von Vögeln oder im Fell von Wildtieren werden bis in die Bildecken gestochen scharf abgebildet. Chromatische Aberrationen oder störende Farbsäume sucht man selbst bei harten Kontrasten vergeblich. Auch das Verhalten bei Gegenlicht überzeugt auf ganzer Linie; die Streulichtresistenz ist dank moderner Vergütungen exzellent. Ein kritischer Punkt bei einer Offenblende von f/4.5 ist natürlich das Freistellungspotenzial. Wer den samtweichen Hintergrund eines 400mm f/2.8 erwartet, wird enttäuscht sein. Dennoch liefert das Objektiv dank seiner neun abgerundeten Blendenlamellen ein wunderschönes, cremiges Bokeh mit harmonischen Unschärfekreisen, die das Hauptmotiv plastisch vom Hintergrund abheben.
Der Autofokus, angetrieben von schnellen Linearmotoren (LM), arbeitet im Zusammenspiel mit den neuesten Motiverkennungs-Algorithmen der Kamera extrem rasant. Allerdings zeigt sich in der Praxis auch, dass der Flaschenhals nach wie vor eher im Kamerabody als im Objektiv liegt. Bei extrem schnellen, unvorhersehbaren Bewegungen – wie etwa Vögeln im rasanten Zickzack-Flug – neigt das Autofokus-System der Kamera gelegentlich zum Suchen oder verliert das Motiv kurzzeitig an den Hintergrund. Sobald das System jedoch einrastet, liefert die Kombination aus X-H2S und dem XF 400mm knackscharfe Ergebnisse. Dank des hocheffektiven optischen Bildstabilisators (OIS) gelingen selbst bei Verschlusszeiten von 1/125 Sekunde aus freier Hand scharfe Aufnahmen.
Mit einer KB-äquivalenten Brennweite von rund 609mm deckt das Objektiv bereits einen Großteil der typischen Wildlife-Szenarien ab. Wem das noch nicht reicht, der kann bedenkenlos zum Fujifilm 1,4x Telekonverter greifen. Damit mutiert das Objektiv zu einer beeindruckenden 840mm-Optik (äquivalent), bei einer immer noch gut nutzbaren Lichtstärke von f/6.3. Die Einbußen bei der Bildschärfe sind dabei minimal und in der Praxis kaum relevant. Im Vergleich zum teureren und noch längeren XF 500mm f/5.6 bietet das 400mm f/4.5 die etwas bessere Lichtstärke und eine höhere Flexibilität im Alltag.
Auf dem deutschen und österreichischen Markt wird das Fujifilm XF 400mm f/4.5 R LM OIS WR zu einer unverbindlichen Preisempfehlung von rund 3.199 Euro angeboten. Das ist zweifellos eine stolze Summe für ein APS-C-Objektiv, doch gemessen an der gebotenen optischen Leistung, dem geringen Gewicht und der erstklassigen mechanischen Qualität ist der Preis absolut gerechtfertigt. Für ambitionierte Wildlife-Fotografen, die im Fujifilm-System zu Hause sind und den schweren Vollformat-Ausrüstungen abschwören wollen, stellt dieses Objektiv eine der besten Investitionen der letzten Jahre dar.
📋 Technische Spezifikationen
✅ Vorteile (Pros)
- ✓Herausragende optische Schärfe und Detailwiedergabe bereits ab Offenblende f/4.5
- ✓Sensationell geringes Gewicht von nur 1245 Gramm für ein echtes Profi-Supertele
- ✓Erstklassige, wetterfeste Verarbeitung (WR) für den kompromisslosen Outdoor-Einsatz
- ✓Integrierter, abnehmbarer Stativfuß mit nativer Arca-Swiss-Kompatibilität
- ✓Sehr effektiver optischer Bildstabilisator (OIS) erleichtert das Fotografieren aus der Hand
- ✓Hervorragende Leistung und Schärfeerhalt in Kombination mit dem 1,4x Telekonverter
- ✓Sehr schönes, weiches Bokeh mit harmonischen Unschärfekreisen im Hintergrund
- ✓Umfangreiche physische Bedienelemente inklusive anpassbarer Fokus-Tasten direkt am Tubus
❌ Nachteile (Cons)
- ✗Die maximale Offenblende von f/4.5 schränkt die Lichtausbeute in der tiefen Dämmerung ein
- ✗Mit rund 3.200 Euro Anschaffungspreis eine erhebliche finanzielle Investition im APS-C-Bereich
- ✗Der Autofokus ist bei extrem schnellen Motiven durch die Kamera-Algorithmen leicht limitiert
- ✗Großer Filterdurchmesser von 95mm macht die Anschaffung von Filtern sehr kostspielig
- ✗Die Naheinstellgrenze von 2,5 Metern schränkt den Einsatz im extremen Nahbereich ein
- ✗Keine Transporttasche im Premium-Segment im Lieferumfang enthalten
Titelbild: Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash