GoPros neuer Coup: Die Mission 1 Pro ILS bricht mit allen Regeln
Die Gerüchteküche brodelte seit April, nun ist es offiziell: GoPro bringt die neue Mission 1 Pro ILS für einen US-Listenpreis von 700 Dollar auf den Markt. Während die Standardversion mit fest verbautem Objektiv bereits seit einiger Zeit erhältlich ist, markiert die Version mit Wechselobjektiv (Interchangeable Lens System, kurz ILS) einen radikalen Wendepunkt in der Unternehmensgeschichte des Actioncam-Pioniers. Ausgestattet mit einem schnellen 1-Zoll-Sensor (Type 1) und einem Micro-Four-Thirds-Bajonett (MFT) verlässt GoPro das angestammte Terrain der unkomplizierten Point-and-Shoot-Actioncams und dringt tief in das Revier professioneller Kinokameras vor. Die technischen Daten lesen sich beeindruckend: Im 4:3-Open-Gate-Modus zeichnet die Kamera 8K-Material mit bis zu 30p auf, während im 16:9-Modus beeindruckende 4K mit bis zu 120p oder sogar 240p in geringeren Auflösungen möglich sind. Hinzu kommen professionelle Features wie GP-Log2, HLG-Unterstützung für direkten HDR-Workflow und ein bahnbrechendes 32-Bit-Float-Audio-System, das ein Übersteuern der Tonspuren unmöglich macht.
Historischer Kontext: Angriff auf die Nische von Blackmagic und Sony
Um die Tragweite dieser Veröffentlichung zu verstehen, muss man den Blick auf die Konkurrenz richten. Bisher dominierten zwei Extrempole den Markt für ultrakompakte Videokameras: Auf der einen Seite standen klassische Actioncams wie die GoPro Hero-Serie oder die DJI Action-Reihe – extrem weitwinklig, mit winzigen Sensoren und stark digital nachgeschärftem Bild. Auf der anderen Seite etablierten sich Spezialwerkzeuge wie die Blackmagic Micro Cinema Camera oder die Sony RX0-Serie, die zwar professionellere Bildprofile und größere Sensoren boten, jedoch oft in Sachen Frameraten oder Konnektivität hinterherhinkten. Die Mission 1 Pro ILS schließt diese Lücke auf spektakuläre Weise. Doch die Entscheidung für ein vollkommen passives MFT-Bajonett ist ein zweischneidiges Schwert. Da das Bajonett keinerlei elektronische Kontakte besitzt, gibt es weder Autofokus noch eine elektronische Blendensteuerung. Das bedeutet im Klartext: Nahezu das gesamte moderne MFT-Objektivportfolio von Panasonic Lumix oder OM System, das auf ‘Focus-by-Wire’ setzt, ist an dieser Kamera nur extrem eingeschränkt nutzbar. GoPro zwingt die Anwender damit zurück zu den Wurzeln der Kinematografie – dem manuellen Fokussieren und der mechanischen Blendenwahl.
Praktische Anwendung: Wer profitiert von der neuen Systemkamera?
Für den klassischen Hobby-Skifahrer oder Mountainbiker ist die Mission 1 Pro ILS aufgrund des fehlenden Autofokus und der Tatsache, dass sie lediglich wetterfest, aber nicht wasserdicht ist, gänzlich ungeeignet. Die Zielgruppe ist eine völlig andere: Professionelle B-Cam-Operator, Dokumentarfilmer und anspruchsvolle Indie-Regisseure im deutschsprachigen Raum dürften aufhorchen. Die Kamera eignet sich hervorragend für spezialisierte Rigging-Szenarien. Ob als Crash-Cam an Fahrzeugen bei rasanten Verfolgungsjagden auf deutschen Autobahnen oder montiert an professionellen Heavy-Lift-Drohnen für alpine Dokumentarfilme in Österreich – die Kombination aus kompaktem Formfaktor, 8K Open Gate und der Möglichkeit, hochwertige manuelle Festbrennweiten von Herstellern wie Laowa, Voigtländer oder Sirui zu nutzen, eröffnet ungeahnte kreative Freiheiten. Dank der neuen ‘Mission Monitor’-App für iPad und iPhone, die primär über eine stabile USB-Verbindung kommuniziert, lässt sich das Mobilgerät in einen vollwertigen Field-Monitor verwandeln. Mit Tools wie Focus Peaking, LUT-Vorschau und Frameline-Overlays wird das präzise manuelle Scharfstellen auch ohne teures Zusatzequipment auf dem kleinen 2,59-Zoll-Display der Kamera machbar.
Marktanalyse: Die Situation im DACH-Raum
Für Fotografen und Filmer in Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH) wirft die Einführung der Mission 1 Pro ILS spannende Fragen auf. Der US-Preis von 700 Dollar dürfte sich nach Import und Mehrwertsteuer hierzulande bei etwa 750 bis 800 Euro einpendeln. Ab September soll die Kamera über den klassischen Fotofachhandel wie Calumet Photographic, Foto Koch, Foto Erhardt oder in Österreich über Foto Leutner und United Camera vertrieben werden. Der DACH-Markt gilt als traditionell sehr qualitätsbewusst und investiert gerne in langlebige Ökosysteme. Die Herausforderung für GoPro wird darin bestehen, den Kunden den Mehrwert des passiven MFT-Mounts zu erklären. Wer bereits einen Fundus an manuellen MFT-Gläsern oder adaptierbaren Vintage-Objektiven besitzt, findet in der Mission 1 Pro ILS ein unschlagbar günstiges Werkzeug, um hochauflösendes 8K-Filmmaterial in einen bestehenden Workflow zu integrieren. Auch die 50-Megapixel-Standbildfunktion könnte für Landschaftsfotografen, die ein extrem leichtes Backup-System für lange Bergtouren suchen, ein interessantes Detail sein – wenngleich die Kamera ganz klar als Werkzeug für Bewegtbild-Spezialisten konzipiert wurde. GoPro geht mit diesem Modell ein hohes Risiko ein, doch für die professionelle Video-Community im deutschsprachigen Raum könnte sich die Mission 1 Pro ILS als der lang ersehnte, erschwingliche Gamechanger erweisen.
Informationen für diesen Artikel basieren auf Berichten von www.dpreview.com.